Mai 7 2015

Teil III: Von Kohlen, Kohldampf und Köstlichkeiten

Wie schockiert waren wir als Teenager, als meine Oma väterlicherseits uns einmal beim Abendessen erzählte, wie sie in Kriegszeiten Kohlen aus einem Güterzug geklaut hatte. Meine Großmutter ein Dieb? Ich weiß noch, wie sich unter uns eine Diskussion entfachte, ob Not so etwas rechtfertigte … Bis mein Vater dazwischen ging und mit aller Deutlichkeit zu verstehen gab, dass wir keine Ahnung von Kälte und Hunger hätten und dass das Leben wichtiger sei als Paragraphen.

Auch die Familie meiner Mutter litt 1945 Not. Mein Opa, den ich nur als wohlgenährt und füllig gekannt habe, glich zum Ende des Krieges einem Strich. Es gab fast kein Fleisch mehr, kaum Gemüse oder Obst, Getreide war Mangelware. Wer nicht auf dem Land wohnte, hatte schlechte Karten. Und meine Herkunftsfamilien waren Städter.

Meine Oma hatte da ein Erlebnis der besonderen Art. Als der Hunger so richtig weh tat, fand sie in ihrem Garten einen fertigen Braten. Doch statt ihn schnell auf den Tisch zu bringen, fragte sie überall in der Nachbarschaft nach, ob einer seine Mahlzeit vermissen würde? Überall nur Kopfschütteln und ungläubiges Staunen. Bevor nun das Fleisch schlecht werden konnte, aß die Familie voller Dankbarkeit das Geschenk auf und freute sich riesig.

Ein paar Tage später wurde meine Oma Zeugin, wie eine Frau in einem Geschäft erzählte, dass eine Katze ihren Sonntagsbraten geklaut hätte. Meine Großmutter beichtete der Dame daraufhin, wie köstlich ihnen die Mahlzeit geschmeckt hatte. Die Frau reagierte tatsächlich dankbar und meinte, da habe die Katze das Essen zu den Richtigen gebracht: Sie selber hätten es nicht so nötig gehabt.

Nun könnte man meinen, die Familien meiner Eltern hätten verschiedene Maßstäbe gehabt, was ihre Moral und Ethik anging. Ist Mundraub erlaubt? Oder versorgt Gott immer durch Wunder? Doch es gab etwas, was in beiden Familien identisch war.  Alle meine Großeltern waren aktive Bibelleser. Und damit meine
ich wirklich aktiv: So lag auf dem Tisch der einen Oma noch im Altenheim die Bibel aufgeschlagen mit einer großen Leselupe darüber. Ebenso lag vor meinem IMG_2794[1]Opa mütterlicherseits Gottes Wort aufgeschlagen, stets bereit zum Weiterlesen. Weder Elend noch Entbehrungen, weder späteres Sattsein noch sicheres Wohnen haben sie davon abhalten können, Gottes Wort zu lesen und zu halten. Das war und blieb ihre geistliche und seelische Nahrung.

Ich gehöre zur Enkelgeneration und bin selbst inzwischen Großmutter. Doch das Vorbild meiner Großeltern beeindruckt mich auch heute noch, zig Jahre danach.



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Veröffentlicht7. Mai 2015 von Eleonore Schmitt in Kategorie "Allgemein

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