Mai 4 2015

Teil II: Hat Gott Lieblinge?

“Ist das ein Gott der Liebe? Warum passiert das ausgerechnet uns?”

So hätte die Familie meines Vaters fragen können. Allerdings habe ich Zweifel an Gottes Liebe bei keinem von ihnen vernommen. Was ich hörte, war schon einmal Ärger über unüberlegte Äußerungen anderer, in dem Stil: “Dass Gott uns lieb hat, sieht man daran, dass er uns behütet hat.” Aber was war mit meinen Großeltern und ihren vier Kindern? Hatte Gott sie weniger lieb?

Mein Vater war mit 14 Jahren Elektriker geworden. Lange Zeit konnte sein Betrieb ihn als kriegswichtig zu Hause halten. Doch dann kam der gefürchtete Einberufungsbefehl: Er musste mit etwa 20 Jahren nach Russland. Dort, an einer anderen Front, kämpfte auch sein älterer Bruder.

Mein Vater wurde Funker. Nachrichten empfangen und oder morsen war nun sein Auftrag. Oder, wenn die Verbindung unterbrochen war, den Fehler finden und beheben. Dazu verließ er die Sicherheit des Schützengrabens und huschte hinaus ins Land. Bei einem dieser “Ausflüge” explodierte eine Granate in seiner Nähe. Ein Splitter drang in seinen Kopf ein. Bewusstlos blieb er lange im Schnee liegen, bevor er gefunden wurde.

Den Rest seines Lebens verbrachte er als Schwerstbehinderter: Rechtsseitig gelähmt, ein Fuß erfroren und deshalb amputiert, ebenso nach vielen Operationen sein rechter Arm. Das Sprechen musste er neu lernen. Zum Schluss bekam er noch Tuberkulose. Fünf Jahre verbrachte er in verschiedenen Lazaretten, Krankenhäusern und Lungenheilanstalten. Der Splitter selbst konnte nicht entfernt werden und verursachte so manches Mal Kopfschmerzen. Außerdem blieb er eine Gefahr das ganze Leben lang: Er konnte durch einen Stoß weiter wandern …

Der Bruder meines Vaters kehrte aus Russland nicht zurück. Bevor er als vermisst gemeldet wurde, starb seine Tochter an einem tragischen Unfall. Meine junge Tante blieb allein übrig und wartete viele Jahre umsonst, ob nicht ihr Mann als Spätheimkehrer zurück kommen würde. Auch meine Großeltern saßen Jahr für Jahr vor dem Radio, wenn das Rote Kreuz Namen von denen vorlas, die aus russischer Gefangenschaft frei gekommen waren. Vergeblich. Enttäuschung jedes Mal aufs Neue.

Die Eltern meiner Mutter erlebten die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges völlig anders: Von sieben Kindern waren die zwei Söhne als Soldaten im Krieg, eine Tochter arbeitete als Krankenschwester in einer anderen Stadt, die drei jüngsten Töchter wurden ins hessische Hinterland evakuiert. Nur meine Mutter blieb übrig und “genoss”, als einziges Kind zu Hause zu sein. Meine Großmutter aber verzagte beinahe in der Angst um ihre Kinder. In ihrer größten Not bekam sie das Versprechen von Gott, dass alle sieben wohlbehalten zurückkehren würden. Und so geschah es auch. Eine Seltenheit in den Ländern, die in den Krieg verwickelt waren.

Meine Herkunftsfamilien: Zwei Familien aus demselben schuldigen Volk, derselben Stadt und derselben Gemeinde. Zwei völlig verschiedene Führungen. Hat Gott Lieblinge? Ist Gott ungerecht?

Die Familie meiner Mutter hat ihre Unversehrtheit zum Anlass genommen, ein fremdes Flüchtlingsmädchen, das seine Eltern verloren hatte, als eigenes Kind aufzunehmen und ihm ein neues Zuhause zu geben. So wurden aus sieben Kindern acht.

Die Familie meines Vaters hat die Verluste tapfer getragen. Ich kenne sie trotz allem als sehr fröhliche Verwandtschaft, voller Humor. Auch mein Vater konnte herzhaft über vieles lachen. Und tatsächlich: Als Kind ist mir kaum bewusst gewesen, dass er behindert war. Das spielte bei uns nur eine untergeordnete Rolle.

Hat Gott Lieblinge? Ist er ungerecht? Ich glaube, dass hier ein tiefes Geheimnis verborgen ist. Eine Antwort von vielen gibt vielleicht die Geschichte von dem anvertrauten Geld (oder Leben?) in der Bibel. (s. Matthäus 25,14-30) 

http://www.bibleserver.com/text/GNB/Matth%C3%A4us25

Was machen wir aus unserem Leben? Gebrauchen wir den Segen und die Bewahrungen, die wir erfahren, vor allem für uns selbst? Oder setzen wir unser so oft behütetes Leben Gewinn bringend für andere ein?



Copyright 2020. All rights reserved.

Veröffentlicht4. Mai 2015 von Eleonore Schmitt in Kategorie "Allgemein

1 COMMENTS :

  1. By Sabine on

    Liebe Eleonore,
    es bewegt mich sehr, was du schreibst, ganz abgesehen davon, dass ich an Berichten aus dieser Zeit unseres Volkes und Landes sowieso sehr interessiert bin.
    Im Blick auf die schweren und für uns unverständlichen Führungen Gottes (in unserem Leben) habe ich vor sehr vielen Jahren einen Satz von Tersteegen gelesen, in dem es heißt:
    “Gottes Wege sind überall anzubeten, aber nicht überall zu ergründen. Ich bin des Vaters Kind, nicht sein Geheimrat!”
    Dieser Satz begleitet mich schon viele Jahre und ich habe immer wieder Ruhe und Frieden in diesem Wissen gefunden!
    Ich hoffe, es folgen noch einige “Kriegsberichte” von dir!
    Liebe Grüße Sabine

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Enter Captcha Here : *

Reload Image