Januar 14 2020

Einen Toten kann man nicht wiederbeleben

Meine Tante Marta verlor im Krieg so ziemlich alles, was für sie von Bedeutung war: Ihre Tochter starb mit zwei Jahren durch einen fürchterlichen Unfall. Und als der Krieg beendet wurde, war ihr Ehemann irgendwo in Russland verschwunden. Verschollen, als hätte er sich in Luft aufgelöst. Seine Spur verlor sich in einer der unseligen Schlachten; die Hoffnung auf seine Rückkehr schwand von Jahr zu Jahr. Schließlich musste sie es akzeptieren: Von der jungen Familie war sie alleine übrig geblieben.

Bei einer anderen Frau, von der ich gelesen habe, war es umgekehrt. Sie hatte zuerst ihren Ehemann verloren. Ihr Sohn war inzwischen ein junger Mann, als er – ob durch einen Unfall oder eine Krankheit, das weiß ich nicht – ebenfalls starb. Auch sie blieb alleine zurück wie so viele weitere Menschen, die ihre engsten Familienmitglieder zu Grabe tragen müssen. Der Tod ist endgültig und macht keine halben Sachen.

Bei dieser letztgenannter Frau geschah allerdings etwas Umwälzendes. Auf dem Weg zur Beisetzung, als sie gemeinsam mit der Dorfgemeinschaft den Leichnam ihres Sohnes zum Friedhof brachte, stieß sie auf eine fröhliche Menschenmenge. Irgendwie passten diese beiden Gruppen, die da aufeinandertrafen, überhaupt nicht zusammen. Tod, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit versus Leben, Zuversicht und Freude. Wie geht man da miteinander um?

Die gut aufgelegte Gruppe kam ins Stocken und hielt an. Ein Mann löste sich von ihr, trat auf die Trauernden zu und fragte nach, was passiert sei. Als er von dem Leid dieser einsamen Witwe erfuhr, traf ihn deren Trauer tief ins Herz. Er wandte sich dem Leichnam zu und sagte: „Junger Mann, ich befehle dir, steh auf!“ Und plötzlich richtete sich der Gestorbene auf, zerrte an dem Leichentuch, das ihn umhüllte und fing an zu reden.

Im falschen Film?

Was hier stattfand, widerspricht völlig unserer Erfahrung. Tot ist tot. Ein Mensch, der länger als drei Minuten nicht atmet, nimmt Schaden am Gehirn. Und nach kurzer Zeit sind auch seine übrigen Organe nicht länger zu gebrauchen.

Was hier stattfand, war keine Wiederbelebung, da es das Leben gar nicht mehr gab. Hier wurde neues Leben geschenkt. Die verwesenden Körperzellen verwandelten sich in lebendige Zellen; gesundes Blut floss erneut mit frischem Sauerstoff durch das Gehirn, welches wiederhergestellt war: Der junge Mann konnte reden!

Was hier stattfand, konnte nur göttliches Handeln sein. Keine Macht der Welt ist in der Lage, aus dem Nichts etwas zu schaffen oder etwas aus toter Materie zu kreieren. Das kann nur Gott. Das war auch schon damals so, bei der Witwe zu Nain. Lediglich Gott kann einem Toten das Leben geben. (Lukas 7,11-17)

Und heute?

Zurecht reden wir nur von Nahtod-Erfahrungen. Denn kein totes Gewebe kann wiederbelebt werden. Was abgestorben ist, ist verendet, ja, hat ein Ende gefunden. Menschen, die wiederbelebt wurden, waren dem Tod nahe, aber ihr Körper war nicht abgestorben. Und genauso sind Organe, die gespendet werden, nicht tot. Sonst wären sie unbrauchbar.

In der Medizin ist es wichtig, dass diese Tatsachen nicht verwechselt werden. Und in gleicher Weise ist es in unserem geistlichen Leben unerlässlich, dass wir lebenswichtige Realitäten nicht durcheinander werfen. Denn diese Dinge ähneln sich zwar, aber sie sind grundverschieden: nämlich die Wiederbelebung von Altem oder die Schaffung von neuem Leben. Ich habe den Eindruck, dass das bei uns leicht vertauscht wird – mit fatalen Folgen.

Die Bibel sagt uns, dass wir alle Kinder Gottes werden können. Manche Stellen im Neuen Testament beschreiben das so, als ob Gott uns adoptieren wollte. Doch wie erklärt das Jesus selbst? Tatsächlich bietet er uns keine Adoption an, sondern eine Geburt: Er will uns ein neues Leben schenken. Das ist keine Wiedergeburt, wo ich erneuert werden würde. Nein! Jesus spricht von einer Geburt, die neuartiges Leben hervorbringt: „Nur wenn jemand von oben her neu geboren wird, kann er das Reich Gottes sehen. … Was vom Geist geboren wird, ist ein Kind des Geistes.“ (Johannes 3,3 + 6)

Wir werden nicht bloß angenommen …

Wir werden nicht bloß angenommen und führen unser Leben dann als Adoptierte weiter. Das Wunder der Gotteskindschaft ist größer: Wir werden neu. Wir sind völlig neue Wesen, Kinder des himmlischen Vaters. Auch Paulus sagt: „Wenn jemand zu Christus gehört, ist er eine neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen; etwas ganz Neues hat begonnen!“ (2. Kor. 5,17)

Keiner schenkt sich dieses Leben selbst, genauso wenig wie man sich das irdische Leben selbst erschaffen könnte. So oder so ist es immer eine Gabe von Gott. Mit einem Unterschied: Bei der natürlichen Geburt werden wir nicht gefragt, ob wir leben wollen. Die geistliche Geburt dagegen geschieht nicht ohne unsere Einwilligung. Gott bietet sie uns an. Er fragt uns, ob wir sein neues Leben haben möchten. Und wenn wir das wollen, schenkt er es uns in seiner ganzen Fülle.

(Eigentlich ist Gott viel zu erhaben und gut für uns. Wir Menschen werden ihm nie gerecht werden können. Aber dadurch, dass Jesus als Strafe für unsere Verfehlungen sein Leben geopfert hat, sind wir fehlerfrei. So können wir zu Gott kommen und das neue Leben in Empfang nehmen.)

Ich bin ein neu geborenes Kind von Gott. Die Kindschaft kann mir nicht mehr entzogen werden. Ich muss keine Angst haben, dass ich nicht gut genug bin und meine Beziehung zu Gott wieder verliere. Vielleicht ist mein Kontakt manchmal gestört, doch ich bleibe das Kind meines Vaters. Ein Kind, das leben lernt, das Beziehung übt, das hinfällt und sich und anderen immer mal wieder weh tut. Aber in der Gegenwart des Vaters schaut es ihm immer mehr ab und wird ihm dabei ähnlicher.

Es ist eine Frage der Identität: Wer bin ich?

  • Gottes geliebtes Kind? Oder immer noch der Mensch, der versucht, Gott zu genügen?
  • Lebe ich mit der Kraft und Hilfe meines Vaters? Oder strenge ich mich nach wie vor selbst an, seine Gebote zu erfüllen?
  • Lebe ich in der Gewissheit, dass mir alle Sünden vergeben sind (vergangene genauso wie zukünftige)? Oder laufe ich weiterhin mit einem schlechten Gewissen herum?
  • Weiß ich, dass Gott sich über mich freut? Oder erwarte ich immer noch von ihm Schelte und Bestrafung?

Wer Gottes Kind geworden ist, hat allen Grund zur Erleichterung, Zuversicht und Mut. Und da ich meine Tante am Anfang erwähnt habe, will ich mit ihr auch schließen: Sie hatte alle ihre Lieben verloren. Aber sie hatte Gottes neues Leben in sich und versank deshalb nicht in der Verzweiflung. Sie lebte ein reiches Leben, das sich in der Hingabe an die ärmsten Menschen in unserer Stadt verschenkte, wurde fast hundert Jahre alt und lebt nun dort, wo alle Kinder Gottes zu Hause sind: bei Gott.