Januar 17 2018

Wie entsteht Frieden?

Dieter Schütz @ pixelio.de

„Geschichte“ ist für viele Schüler ein Synonym für Langeweile. Ich weiß noch, dass dieses Fach lange Zeit keinerlei Relevanz für mein Leben hatte. Ob nun „7-5-3: Rom schlüpft aus dem Ei“ oder „3-3-3: bei Issos Keilerei“ – das alles waren für mich tote Fakten und deshalb uninteressant.

Geschichte wurde für mich bedeutsam, als sie mir näher rückte. Plötzlich lernten wir eine Zeit kennen, die meine Großeltern und meine Eltern erlebt hatten. Und ich hörte deren eigenen Schilderungen. „Geschichte“ stellte quasi das Skelett dar, während die Erzählungen es zum lebendigen Wesen machte. Und dieses Wesen ist es, das uns und unser Volk nachhaltig prägt. Deshalb ist es entscheidend, die persönlichen Erlebnisse immer wieder zu Wort kommen zu lassen, damit unsere Nachkommen ebenfalls die Chance haben, ihre Gesellschaft weise und gut zu gestalten.

Eine solche Erfahrung möchte ich hier weitergeben. Sie begann während des Zweiten Weltkrieges. Es war unser Volk, das Holland besetzte und dort grauenvolles Leid anrichtete. Da, wo wir heute Urlaub genießen, haben unsere Vorfahren ihre teuflische Ideologie ausgelebt: Juden wurden zusammengetrieben und vernichtet.

Und wehe den Niederländern, die ihnen halfen. Sie wurden rücksichtslos hingerichtet wie der Vater der kleinen A.: Einfach durch einen Genickschuss getötet. Urplötzlich war eine junge Frau Witwe und das Mädchen, das noch ein Baby war, lernte ihren Vater nie kennen.

Ich bin A. erst später begegnet. Sie hatte einen langen Lebensweg hinter sich, voller Hass gegen uns Deutsche. Auch als sie Christin wurde, hat sich das nicht so schnell geändert. Langsam, im Laufe der Zeit, erkannte sie, dass Jesus sie innerlich nur dann von diesem Leid heilen konnte, wenn sie den Deutschen vergab. Heute reist sie durch Deutschland und hilft, dass unserem Volk Gottes Güte bekannt gemacht wird.

Ähnlich wie sie haben andere holländische Christen bereits direkt nach dem Krieg ihren Groll auf uns beiseitegelegt. Sie richteten für deutsche Kinder ein Freizeitheim her, damit diese in den Ferien von Gott hörten.

Sabine Meyer @ pixelio.de

Dadurch erlebte ich in den 60-ger Jahren jeden Sommer drei herrliche Wochen – und fand dort Jesus Christus als meinen Erlöser. Vielen anderen Kindern erging es ähnlich. Und eine ganze Anzahl von ihnen wurde Pastor oder MissionarIn – oder wie ich eine „nichtamtliche“ Christin, die genauso an Gottes Reich baute.

Warum erzähle ich das? Damit wir aus der Geschichte lernen. Denn immer, wenn ein Volk gütig zu seinen Feinden ist, wächst daraus etwas Gutes. Auch die Amerikaner haben uns nach dem Krieg mit Care-Paketen geholfen. Während viele von ihren jungen Männern ermordet in der europäischen Erde lagen oder körperlich und seelisch behindert zurück in ihre Heimat kehrten, schickten sie uns Seife, Waschmittel, Mehl oder anderes, was wir zum Leben brauchten.

Im Jahr 2015 hat unsere Bundeskanzlerin ähnlich gehandelt: Sie entschied, dass zehntausende Flüchtlinge in unserem Land Asyl finden durften. Dafür ist Frau Merkel oft gescholten worden. Ein Argument lautet nach wie vor: Wir haben nicht genug für uns alle. Sonderbar ist allerdings, dass ausgerechnet Deutschland heute wirtschaftlich besser dasteht, als es uns prognostiziert wurde – und besser als unsere europäischen Nachbarn. Und wie viele arabische Mitbürger haben bereits Jesus als ihren Erlöser gefunden!

Wir sollten nicht ohne Gott rechnen, weder in unserem persönlichen Leben, in der Familie noch in unserer Gesellschaft. Lernen wir von den mutigen Christen überall auf der Welt, indem wir ohne Wenn und Aber Gottes Liebe verschenken – an Freund und Feind. Das ist der sicherste Weg, dass auch die nächsten Generationen Frieden erleben werden.

August 12 2017

Die Seele baumeln lassen

Rainer Sturm / pixelio.de
Rainer Sturm / pixelio.de

Sommer, Sonne, Seele baumeln lassen. Das ist meine Hoffnung für diese Jahreszeit. Sie gleicht einer geheimen Wunschliste, die ich Jahr für Jahr neu schreibe, obwohl die Vergangenheit da Vorsicht gelehrt hat.

Voll Vorfreude auf den Urlaub tippe ich in meine Wetter-App unseren Ferienort ein und sehe gespannt auf die Symbole. Sofort stellt sich die Ernüchterung ein: Graue Wolken und Regentropfen (nicht nur einer, sondern drei!) erscheinen auf dem Display.

O. k., die Sonne streiche ich von meiner Liste. Bleiben Sommer und Seele-baumeln-lassen. Denn auch warmer Regen hat ja was. Mein Blick gleitet zur Temperaturvorhersage: 18° – 20°C Höchsttemperatur …

Ist jetzt unser Urlaub schon vorbei,

bevor er begonnen hat? Nein, das lasse ich nicht zu. Das wichtigste Element bleibt uns ja noch: Die Seele baumeln lassen.

Und dazu gibt es eine Reihe Angebote: Wellness, Tee bei Kerzenschein, Käseplatte mit Rotwein, ein gutes Buch, durch den regennassen Wald streifen oder ins Kino gehen.

Tragisch ist nur, dass mir das Seele-baumeln-lassen trotz aller Hilfsangebote oft nicht gelingt. Selbst wenn die Sonne vom wolkenlosen Himmel scheint und leichter Wind mir Erfrischung bietet: Mir fehlt die innere Fähigkeit, meine Seele baumeln zu lassen. Stattdessen tummeln und streiten sich in meinem Geist Träume, Ideale und Befürchtungen. Wie um alles in der Welt soll meine Seele da befreit schaukeln wie ein Kind, das selbstvergessen auf- und abschwingt?!

Simone Hainz / pixelio.de
Simone Hainz / pixelio.de

Alles, was baumelt, hängt frei, das ist bei der Seele nicht anders. Und da fangen bereits meine Schwierigkeiten an. Ich müsste ja meine Seele loslassen und nicht an mich binden, damit sie schwingen kann! Und schlimmer noch: Ich brauche einen Fixpunkt außerhalb von mir, an den ich meine Seele aufhänge. Und dann einfach loslassen … Zugegeben, die Vorstellung ist skurril. Doch entspricht sie nicht trotzdem der Wahrheit?

Ich brauche einen absolut sicheren Halt, bei dem ich weiß, dass er trägt. Denn meine Seele vertraue ich keiner fragwürdigen Macht an. Es muss eine Macht sein, die es ganz und gar gut mit mir meint und stärker als alles andere ist. Und diese gütige wie gewaltige Macht habe ich gefunden: Gott – in Jesus Christus.

Das ist meine Lebenserfahrung nach all den Jahrzehnten,

die ich nun auf diesem Erdball lebe: Da, wo ich mich Jesus anvertraut habe und meine eigenen Vorstellungen in seinen Willen legte, da bekam ich Frieden. Da kam ich zur Ruhe. Die Seele fing an zu baumeln … Was für eine Erholung im Sommer wie im Winter. Welche Freude im Angesicht von Unsicherheiten. Zu wissen, dass er es schon richtig – und gut – machen wird, selbst wenn meine Hände gebunden sind, lässt mich zufrieden in die Zukunft schauen.

So sagt nun der Herr: »Weil er mit ganzer Liebe an mir hängt, will ich ihn befreien; ich hole ihn heraus aus der Gefahr, denn er kennt meinen Namen. Wenn er zu mir ruft, werde ich ihm antworten. In Zeiten der Not stehe ich ihm bei, ja, ich reiße ihn heraus und bringe ihn zu Ehren. Ich schenke ihm ein erfülltes und langes Leben und zeige ihm, wie ich Rettung schaffe.« (Ps. 91,14-16; NGÜ)

Juni 26 2017

Autobahn oder Sessellift?

Grey59 / pixelio.de

Mitte Juni verbrachten wir eine Woche im Allgäu. Die Fahrt dorthin fing gemütlich an. Jedoch merkten wir natürlich bald, dass wir nicht alleine unterwegs waren. Die Autobahn füllte sich nach und nach mit vollbepackten PKWs und Wohnmobilen, mit LKWs und Motorrädern. Die Baustellen bremsten uns alle aus und manch einer schien die Lektionen seiner Fahrschulzeit über Abstand und Geschwindigkeitsbegrenzung vergessen zu haben. Wir drängten uns einspurig über Brücken, die in die Jahre gekommen sind, und gaben Gas, sobald sich die Fahrbahn wieder erweiterte. Jeder eilte seinem Ziel zu und wir überholten einander Schlag auf Schlag.

Kaum waren wir angekommen, besorgten wir uns die Allgäu-Tirol-Karte, mit der man jeden Tag jede Bergbahn einmal benutzen darf. Wir lieben es nämlich, mit den Seilbahnen an den Hängen hinauf zu gondeln und oben ein bisschen zu wandern oder Kaffee zu trinken.

Unsere Favoritenbahn

beginnt im Tiroler Städtchen Bach. Wenn wir die Kartenkontrolle passiert haben, nehmen wir in der Zweier-Sesselbahn Platz und schließen den Bügel. Anschließend schweben wir 1,65 Kilometer lang über die herrliche Alpenwelt hoch zur Bergstation.
Zunächst verlieren sich alle technischen Geräusche, nur das Stahlseil surrt leise vor sich hin. Ein Bussard stößt seinen spitzen Schrei aus, ein paar Spatzen tschilpen im Gebüsch. Der Wind rauscht durch die Tannenwipfel, sonst ist es still.
Wir lassen Krüppellärchen an steinigen Felsen unter uns und bewundern die Vielfalt der Alpenblumen: Gelb, rot, blau und violett präsentieren sie sich auf dem satten Grün der Bergwiesen. Der Himmel leuchtet azurblau. Und die Luft – sie ist klar und rein. Das Gefühl unbeschreiblicher Freiheit macht unser Glück vollkommen.

Jedes mal erleben wir das Gleiche:
Petra Dirscherl / pixelio.de

Kaum haben wir den Bodenkontakt verloren, legt sich ein tiefer Frieden auf uns. Hier verliert sich jegliche Hetze. Mit dem Einstieg in die Bahn geben wir quasi unseren eigenen Willen ab: Wir vertrauen uns dem Seil an und sagen ‚ja‘ zu der Richtung, in die wir geführt werden. Niemand treibt uns. Auf das Tempo haben wir keinen Einfluss. Also lehnen wir uns gemütlich zurück. Wir fürchten weder Höhen noch Tiefen, denn wir hängen sicher am Stahlseil. Und jede Diskussion, welcher Weg der Bessere sein könnte, kommt spätestens jetzt zur Ruhe. Wir verfolgen denselben Kurs. Und zum Schluss erreichen wir das Ziel zur festgesetzten Zeit: nicht eher und nicht später als vorgegeben. Tiefer Frieden umhüllt uns.

Viele Gedanken beruhigen sich, während wir so in der Luft schaukeln. Es geht nicht mehr um mich oder meinen Nebenmann. Wichtig ist allein die Verbindung zum Seil und das Vertrauen, dass es uns trägt. Früher hatte ich Angst, so über dem Abgrund zu schweben und nur von einem Drahtseil abhängig zu sein. Inzwischen habe ich die jahrelange Erfahrung gemacht, dass ich sicher oben ankomme und ich genieße die Aussicht und die Stille der Bergwelt.

Diesen tiefen Frieden

habe ich genauso schon in anderen Situationen erlebt, weitab von Urlaub, Sommer und Sonne. Ich erfahre ihn im Alltag, in Anstrengungen und bei meiner Arbeit. Es gibt nur eine Voraussetzung für ihn: Ich muss das Steuer meines Lebens an Gott abgeben. Dann darf ich mich im Vertrauen auf sein Führen innerlich zurücklehnen. So finde ich diese innere Ruhe. Wenn ich – statt mich und meine Wünsche wichtig zu nehmen – den Fokus auf Gott und sein Reich richte, erfüllt mich dieser unbeschreibliche und beruhigende Frieden. Doch sobald ich meinen eigenen Willen zum Maßstab erhebe und mir mein Glück selbst sichern will, befinde ich mich – um im Bild zu bleiben – nicht im Sessellift, sondern auf der Autobahn des Lebens, wo das Recht des Schnelleren und Stärkeren zu herrschen scheint.

Da wähle ich doch lieber die ‚Sesselbahn‘ und überlasse mich Gott. Denn wie dichtete Paul Gerhard? „Der Wolken, Luft und Winden gibt Weg, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann!“

Philipper 4,7: „Der Friede Gottes, der weit über alles Verstehen hinausreicht, wird über euren Gedanken wachen und euch in eurem Innersten bewahren – euch, die ihr mit Jesus Christus verbunden seid.“