Teil II: Hat Gott Lieblinge?

„Ist das ein Gott der Liebe? Warum passiert das ausgerechnet uns?“

So hätte die Familie meines Vaters fragen können. Allerdings habe ich Zweifel an Gottes Liebe bei keinem von ihnen vernommen. Was ich hörte, war schon einmal Ärger über unüberlegte Äußerungen anderer, in dem Stil: „Dass Gott uns lieb hat, sieht man daran, dass er uns behütet hat.“ Aber was war mit meinen Großeltern und ihren vier Kindern? Hatte Gott sie weniger lieb?

Mein Vater war mit 14 Jahren Elektriker geworden. Lange Zeit konnte sein Betrieb ihn als kriegswichtig zu Hause halten. Doch dann kam der gefürchtete Einberufungsbefehl: Er musste mit etwa 20 Jahren nach Russland. Dort, an einer anderen Front, kämpfte auch sein älterer Bruder.

Mein Vater wurde Funker. Nachrichten empfangen und oder morsen war nun sein Auftrag. Oder, wenn die Verbindung unterbrochen war, den Fehler finden und beheben. Dazu verließ er die Sicherheit des Schützengrabens und huschte hinaus ins Land. Bei einem dieser „Ausflüge“ explodierte eine Granate in seiner Nähe. Ein Splitter drang in seinen Kopf ein. Bewusstlos blieb er lange im Schnee liegen, bevor er gefunden wurde.

Den Rest seines Lebens verbrachte er als Schwerstbehinderter: Rechtsseitig gelähmt, ein Fuß erfroren und deshalb amputiert, ebenso nach vielen Operationen sein rechter Arm. Das Sprechen musste er neu lernen. Zum Schluss bekam er noch Tuberkulose. Fünf Jahre verbrachte er in verschiedenen Lazaretten, Krankenhäusern und Lungenheilanstalten. Der Splitter selbst konnte nicht entfernt werden und verursachte so manches Mal Kopfschmerzen. Außerdem blieb er eine Gefahr das ganze Leben lang: Er konnte durch einen Stoß weiter wandern …

Der Bruder meines Vaters kehrte aus Russland nicht zurück. Bevor er als vermisst gemeldet wurde, starb seine Tochter an einem tragischen Unfall. Meine junge Tante blieb allein übrig und wartete viele Jahre umsonst, ob nicht ihr Mann als Spätheimkehrer zurück kommen würde. Auch meine Großeltern saßen Jahr für Jahr vor dem Radio, wenn das Rote Kreuz Namen von denen vorlas, die aus russischer Gefangenschaft frei gekommen waren. Vergeblich. Enttäuschung jedes Mal aufs Neue.

Die Eltern meiner Mutter erlebten die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges völlig anders: Von sieben Kindern waren die zwei Söhne als Soldaten im Krieg, eine Tochter arbeitete als Krankenschwester in einer anderen Stadt, die drei jüngsten Töchter wurden ins hessische Hinterland evakuiert. Nur meine Mutter blieb übrig und „genoss“, als einziges Kind zu Hause zu sein. Meine Großmutter aber verzagte beinahe in der Angst um ihre Kinder. In ihrer größten Not bekam sie das Versprechen von Gott, dass alle sieben wohlbehalten zurückkehren würden. Und so geschah es auch. Eine Seltenheit in den Ländern, die in den Krieg verwickelt waren.

Meine Herkunftsfamilien: Zwei Familien aus demselben schuldigen Volk, derselben Stadt und derselben Gemeinde. Zwei völlig verschiedene Führungen. Hat Gott Lieblinge? Ist Gott ungerecht?

Die Familie meiner Mutter hat ihre Unversehrtheit zum Anlass genommen, ein fremdes Flüchtlingsmädchen, das seine Eltern verloren hatte, als eigenes Kind aufzunehmen und ihm ein neues Zuhause zu geben. So wurden aus sieben Kindern acht.

Die Familie meines Vaters hat die Verluste tapfer getragen. Ich kenne sie trotz allem als sehr fröhliche Verwandtschaft, voller Humor. Auch mein Vater konnte herzhaft über vieles lachen. Und tatsächlich: Als Kind ist mir kaum bewusst gewesen, dass er behindert war. Das spielte bei uns nur eine untergeordnete Rolle.

Hat Gott Lieblinge? Ist er ungerecht? Ich glaube, dass hier ein tiefes Geheimnis verborgen ist. Eine Antwort von vielen gibt vielleicht die Geschichte von dem anvertrauten Geld (oder Leben?) in der Bibel. (s. Matthäus 25,14-30) 

http://www.bibleserver.com/text/GNB/Matth%C3%A4us25

Was machen wir aus unserem Leben? Gebrauchen wir den Segen und die Bewahrungen, die wir erfahren, vor allem für uns selbst? Oder setzen wir unser so oft behütetes Leben Gewinn bringend für andere ein?

Teil I: Vor 70 Jahren

In diesen Tagen wird oft daran erinnert, wie vor 70 Jahren der Krieg zu Ende ging. Meine Mutter feierte am ersten Tag des Friedens ihren 21. Geburtstag und wurde volljährig: am 9. Mai 1945. Ihre Teenager- und Jugendzeit hat sie im Nazideutschland verbracht.

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Meine Eltern (beide schon gestorben) haben uns viel von dieser Zeit und ihrem persönlichen Ergehen erzählt; mein Vater (ein halbes Jahr älter) schrieb seine Autobiografie auf, wie er als Junge und Heranwachsender diese Zeit erlebte. Das alles ist ein unbezahlbarer Erinnerungsschatz. U. a. beschreibt dieser Fundus die erzwungene Schizophrenie frommer Jugendlicher: Zu Hause galten die Juden als Gottes Volk – in der Schule wurden sie verteufelt.

Wollten meine Mutter oder mein Vater ihren Eltern von den schrecklichen Geschichten, die sie im Alltag über Juden hörten, berichten, dann wurden sie gestoppt mit dem Hinweis, dass der Lehrer so etwas unmöglich gesagt haben könnte. In der Schule konnten sie erst recht nicht ihren Mund aufmachen, das haben sie schnell gelernt. Sie waren Kinder, später Jugendliche, die allein gelassen wurden mit ihren Fragen. Die sich ständig verbiegen und heucheln mussten.

Das war der Grund, weshalb sie uns immer wieder eintrichterten: Ihr könnt uns alles erzählen: Wir glauben euch. Wir stehen zu euch. Habt keine Angst!

Nun ist es nicht so, dass meine Großeltern nicht selbst ihre Erfahrungen gemacht haben. Mein Großvater mütterlicherseits liebte das Alte Testament und das Volk Israel. Irgendwann hat er mal seinen Mund nicht halten können und lebte eine Zeit lang in Angst, dass er festgenommen werden würde. Was genau da passiert war, hat meine Mutter nie erfahren. Erst viele Jahre nach Kriegsende hat er eine Andeutung über diese Zeit der Furcht gemacht.

Zum Ende des Krieges wurde selbst meine Mutter zum Kriegsdienst eingezogen. Sie bekam die Nachricht, dass sie sich an einem Morgen  beim Arbeitsamt melden sollte. Doch in der Nacht davor wurde Wuppertal-Barmen wieder einmal bombardiert. Als sie am nächsten Morgen zum Arbeitsamt ging, fand sie nur noch eine Ruine vor. Ratlos stand sie davor: Was sollte sie tun? Einfach nach Hause gehen? Das wäre Fahnenflucht gewesen und wurde mit Erschießen geahndet.

Während sie da steht und nachdenkt, kommt ein älterer Herr vorbei und fragt sie: „Mädchen, was ist los?“ Sie erzählt ihm von ihrer Misere. Er rät ihr: „Geh nach Hause und vernichte deine Einberufung! Erzähle niemandem von deinem Schreiben! Es spielt alles keine Rolle mehr!“

Meine Mutter befolgte, wenn auch ängstlich, den Rat, der sich als goldrichtig herausstellte. Hätte sie sich wo anders gemeldet, wäre sie noch eingesetzt worden.

Fortsetzung folgt …

 

Auf in den Kampf …?

„Nicht schon wieder!“, habe ich letzte Woche gedacht, „Lernen die es denn nie?“ Da flogen die Fetzen, und das nicht nur im übertragenen Sinn. Eine Wolke von Federn stob an meinem Fenster vorbei und ich wusste, nun versuchen sie aufs Neue, ein Nest zu bauen.

Es ist ein Eichelhäher-Pärchen, das jedes Jahr um diese Zeit statt Freude nur Frust erlebt. Erst zanken sie sich mit anderen Vögeln um den begehrten Nestplatz direkt unter unserem Dachfirst. Haben die beiden dann gewonnen, holen sie emsig Zweige und Moos herbei. Doch jetzt beginnt der eigentliche Ärger: Der eine fliegt von rechts heran und deponiert seine Baumaterialien auf dem Balken. Kaum ist er weg geflogen, kommt die bessere Hälfte von links, stößt gegen das gerade abgelegte Ästchen, das daraufhin herab segelt, und legt dafür einen neuen Zweig ab … Dieses Schauspiel dauert ein paar Wochen, in denen wir allen „Bauschutt“ regelmäßig entsorgen.

Dabei haben die beiden ein gutes Ziel, das sie allerdings im Eifer des Gefechtes aus den Augen verlieren – und damit handeln sie genauso, wie wir Menschen es ihnen oft vormachen. Denn auch wir bauen an frohen Familien, gesegneten Gemeinden und festen Freundschaften – und dann fliegen die Fetzen. Der Grund: entgegengesetzte Prägungen, unterschiedliche Herangehensweisen oder verschiedene Vorstellungen.

Wie ich den Eichelhähern helfen könnte, weiß ich nicht. Aber für unsere mit Geist und Grips gesegnete Spezies gibt es eine Anleitung, die bereits von vielen Menschen mit Erfolg getestet wurde: Die Bibel.

Eine Kostprobe? „Die Liebe freut sich an der Wahrheit“ (1. Korinther 13,6)

Wahrheit und Liebe sind zwei Seiten einer Medaille. Wahrheit ohne Liebe endet in Rechthaberei – Liebe ohne Wahrheit verkommt zur Harmoniesucht.

Vielleicht sollten unsere Vögel es einmal mit dieser Einsicht versuchen. Wer weiß, ob dann nicht bald eine neue Familie unter unserem Dach wohnen würde?

Aller Anfang kann so leicht sein …

Mit 15 Jahren wollte ich nicht mehr in die Gemeinde gehen. Die Jungscharzeit war vorbei und ich wollte mich jetzt abseilen und unabhängig werden. Dumm war nur, dass sich meine – um ein Jahr ältere – Schwester genau zu dieser Zeit in ihren heutigen Mann verliebte.

Wir wohnten in einer einsamen Gegend und mein Vater erlaubte es uns nicht, dass wir abends allein nach Hause kamen. Was sollte meine Schwester machen? Ihre heimliche Liebe konnte sie am besten im Jugendkreis treffen, und der fand abends statt … Folglich wollte sie unbedingt dorthin und bearbeitete mich, dass ich sie begleitete. Da ich die Jugendlichen aus meiner Jungscharzeit kannte, ließ ich mich erweichen – und nach wenigen Wochen wollte ich selbst kein Treffen mehr verpassen. Ich hatte den Anschluss geschafft, wofür ich heute ausgesprochen dankbar bin.

Wie sähe mein Leben wohl aus, wenn ich damals im Abseits gelandet wäre? Ob mein Glaube überlebt hätte? Ob er die Häutungen vom Kinderglauben zum fundierten Vertrauen zu Gott mitgemacht hätte?

Was hat mich wirklich in der Gemeinde gehalten? Grundlegend war mein Besuch der Jungschar: Ich lernte die Kinder kennen, mit denen ich einige Jahre später Freundschaften schloss. Gegenseitig halfen wir uns, unseren Glauben über die schwierigen Teeniejahre hinweg zu retten.

Nicht jeder hat das Glück, dass sich seine Schwester im passenden Moment verliebt. Aber als Eltern können wir manches dazu beitragen, dass unsere Kinder mit Gleichaltrigen in der Gemeinde zusammen spielen, lachen, sich auch mal ärgern und wieder vertragen, Wettspiele austragen, die Natur zusammen unsicher machen und den Glauben erklärt bekommen. Der Gemeinschaftsaspekt ist schon bei Kindern nicht hoch genug einzuschätzen. Ein ideales Sprungbrett, um später Glauben (gemeinsam) zu leben.

Sonne im Herzen

Das Frühstück ist meine Lieblingsmahlzeit. In aller Ruhe mit meinem Mann zusammen den Morgen zu begrüßen, uns über Gott und die Welt auszutauschen, um dann ein neues Blatt aufzuschlagen: So darf der neue Tag beginnen.

Seit dem März kommt eine weitere Annehmlichkeit dazu: Die Morgensonne bescheint meinen Platz und macht den Tag noch verheißungsvoller. Wer jetzt denkt, dass unser Fenster gen Osten liegt, irrt sich. Nein, es zeigt nach Westen … Aber das Küchenfenster unserer Nachbarn gegenüber reflektiert freundlicherweise die Sonnenstrahlen und erfreut mein Herz. Wie gut, dass die Scheibe sauber und nicht mit einem Rolladen verdunkelt ist!

Mein Name Eleonore heißt: „Gott ist mein Licht“. Meine Aufgabe? Nichts zwischen Gott und mich kommen zu lassen. Die Fenster meiner Seele sauber zu halten. Dann erreicht und erfreut Gottes Licht auch meinen Nächsten.

„Der Herr ist mein Licht und mein Glück. Vor wem sollte ich mich fürchten?“ (Psalm 27,1 – Basis_Bibel)