Juli 22 2015

Musik vom Feinsten

 (Beitragsfoto: Martin Jäger / pixelio)

»So viel Zeit muss sein!« Mit diesem Selbst-Befehl stoppte ich meine Reinigungsarbeiten und setzte mich auf den Badewannenrand. Im Radio lief ein wunderschönes Stück für Streicher und Oboe. Das Orchesterstück faszinierte mich und ich wollte es unbedingt genießen.

Immer wieder dachte ich: »Jetzt hört die Musik auf!« Die Töne wurden langsamer und näherten sich dem Schlussakkord.

Martin Jäger / @ pixelio
Martin Jäger / @ pixelio

Doch plötzlich sprangen sie aufs Neue davon, lebhaft und mit einem weiteren Auftrag versehen. Geradezu erfrischt und voller Energie – um schließlich einmal mehr in ruhigere Gewässer zu münden.

So ist mein Leben! Ich saß da und sah deutlich die Parallelen zu meinem Alltag: Mal ist er fröhlich, mal ein wenig melancholischer, jetzt schnell und morgen gemächlicher. Dabei deutet er immer wieder auf eine verdiente Pause hin. Aber dann klingelt das Telefon und los geht es – im gleichen Tempo wie vorher.

Ob das stets so weiter geht? Ich lauschte gespannt der Melodieführung. Die Töne tanzten und wiegten sich. Und auf einmal stellte ich fest: Die Melodie wurde schon längst nicht mehr von der Oboe gespielt. Die Streicher hatten sie unbemerkt übernommen.

Da wurde mir klar: So soll es sein! Wenn ich irgendwo aufhöre, muss der Dienst, das Amt, oder wie auch immer ich meine Tätigkeit bezeichne, nahtlos weitergehen. Es darf kein Bruch auftreten. Den Ton geben ab sofort andere Menschen an, die vielleicht vorher im Orchester die Melodie begleitet hatten.

Zurücktreten und die Nächsten dran lassen: So wird das Musikstück zu einem vollen Erfolg. Der Oboist muss darauf verzichten, weiter im Rampenlicht zu stehen. Die Streicher brauchen Mut, ganze Verantwortung für das Gelingen zu übernehmen. Kaum zu glauben: Das Blasinstrument ist tatsächlich durch Violinen ersetzbar.

Auch ich bin auswechselbar. Konkret habe ich das vor einigen Jahren erlebt, als ich jeden Donnerstag mit ein paar Frauen im Gefängnis über Gott und die Bibel geredet habe. Für lange Zeit war dies meine mir auf den Leib zugeschnittene Aufgabe. Doch dann wurde es zunehmend schwieriger. Eine innere Sperre schien mich zurückhalten zu wollen. Aber wer sonst sollte zu den Frauen gehen?

Während ich immer mehr an meine Grenzen kam, baute eine Bekannte, Elli, eine neue Gruppe auf. Sie hatte die gleiche geistliche Ausrichtung und »meine« Frauen gingen zum großen Teil auch in ihren Kreis.

An einem Donnerstag saß ich in meinem Fiat auf dem Gefängnisparkplatz und ließ innerlich den Kopf hängen: »Gott, kannst du nicht Ersatz für mich schaffen?« Und auf einmal sah ich den Zusammenhang. Seit kurzem hatten meine Freundinnen angefangen, mich ›Elli‹ zu nennen. Zufall? Oder ein Anstupser Gottes, dass er bereits für einen ›Auswechselspieler‹ gesorgt hatte?

Da war also stufenlos ein Übergang geschaffen worden, der mir den Mut gab, meine ehrenamtliche Mitarbeit in der JVA zu beenden.

Ich bin ablösbar. Und ich sollte nicht denken, dass Gott nicht jederzeit auch einen anderen Menschen an meine Stelle rufen kann.

Dietmar Meinert / @ pixelio
Dietmar Meinert / @ pixelio

Wenn er als Dirigent das Zeichen gibt, tun wir als Musiker gut daran, sein Signal zu beachten. Sonst stören wir das Konzert und machen uns selbst zu Narren. Es geht nicht um mich, sondern um das ganze, vollkommene Stück.



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Veröffentlicht22. Juli 2015 von Eleonore Schmitt in Kategorie "Allgemein

2 COMMENTS :

  1. By birgit mann on

    Liebe Eleonore!
    Ich lese deine Gedanken so gerne, weil ich eine unglaubliche Freude daran habe, in Worte anderer Menschen einzutauchen, die ich so nicht gefunden hätte und das erzeugt in mir eine “Fortführung” des Gedachten, fühlt sich als Bereicherung an, erzeugt eigenen Bilder und das ist für mein vollgepumptes Hirn wie eine Erholungspause…..das musste ich doch mal ganz poetisch loswerden! Darum:danke!!!! Liebes Grüßle, Birgit

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