Teil IV: Endlich Frieden! Endlich Frieden?

Heute wäre meine Mutter 91 Jahre alt geworden. Und vor 70 Jahren war es der erste Tag ihrer Volljährigkeit. Gleichzeitig war es auch der erste Tag des Friedens, der bis jetzt 70 Jahre andauert. Aber brachte die Zeit nach dem Krieg ihr wirklich den ersehnten Frieden?

Klar, die Luftschutzbunker mussten nicht mehr plötzlich und vor Angst zitternd mitten in der Nacht aufgesucht werden. Auch die Bombenangriffe mitten am Tag hörten auf. Nach und nach stellte sich die Hoffnung ein, dass das Leben wieder sicherer und verlässlicher werden würde.

Doch „das Leben ist mehr als Essen und Trinken“ (Matthäus 6,25) … Der Krieg zu Ende – und nun? Wo gab es Leben, dass sich lohnte? Auf der Suche danach kam es zu Irrungen und Wirrungen, die meine Mutter letztendlich in Depressionen stürzten. Sie wusste um ihre falschen Wege, sie wusste auch, wie verkehrt ihre gewählten Auswege waren – und litt unter ihrer eigenen Schuld. Der äußere Friede hatte ihr Herz nicht erreicht.

In diese Depression hinein wollte meine Großmutter, die keine Ahnung von den Ursachen der inneren Kämpfe ihrer Tochter hatte, sie aufmuntern und lud sie zu einer Freiluft-Evangelisation ein. Um es vorweg zu nehmen: Nein, meine Mutter bekehrte sich dort nicht. Allerdings war mein Vater ebenfalls dort und sah sie seit Jahren zum ersten Mal wieder. Auch sein Herz wurde an diesem Tag nicht durch die Predigt angesprochen, sondern es verliebte sich unsterblich in die junge Frau mit dem kupferroten Haar.

In den folgenden Wochen kam er immer wieder an dem Handarbeitsgeschäft vorbei, wo meine Mutter arbeitete. Und immer hatte sie gerade Feierabend – welch ein Zufall … Sie verstanden sich prächtig und bald glaubte meine Mutter nicht mehr an glückliche Zufälle.

Inzwischen war ihr klar geworden, dass sie mit der erdrückenden Schuld nicht mehr froh werden würde. Sie suchte einen der Ältesten ihrer Gemeinde auf und legte eine umfassende Beichte ab. Im Namen Gottes sprach er ihr die Vergebung zu, die sie so sehr gesucht hatte. Später sagte meine Mutter über diese Erfahrung: „Ich weiß, was Vergebung bedeutet!“

Befreit, erleichtert, ja geradezu neu geboren trat sie den Weg nach Hause an, als mein Vater ihr begegnete. Er brauchte genauso Mut an diesem Tag, denn er wollte sie etwas wichtiges fragen: „Willst du meine Frau werden?“ Als er die Worte ausgesprochen hatte, antwortete meine Mutter, dass sie ihm erst etwas sagen müsse. Doch mein Vater verstand schnell, worum es sich handelte und reagierte wie vorher der Gemeinde-Älteste: Nun sei alles geklärt und spiele in der Zukunft keine Rolle mehr. Auch seine eigene Vergangenheit sei bereinigt.

Jetzt war wirklich endlich Frieden. Die Kriege der Vergangenheit wurden nur noch gebraucht, um daraus zu lernen. Meine Eltern haben ihr gegenseitiges Ja-Wort in großer Liebe und Achtung voreinander 50 Jahre lang gelebt, bis mein Vater als erster von beiden zu Gott heimging. Meine Mutter folgte ihm vier Jahre später.

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