Weichenstellung

Erich Westendarp@pixelio.de
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Es traf uns fast der Schlag. Wir saßen an jenem Herbstabend gemütlich im Wohnzimmer und schauten uns die Nachrichten an. Doch plötzlich ging ein Ruck durch uns. Wir beugten uns ungläubig nach vorn, als würden wir sonst die Meldung verpassen. Was wir da sahen und hörten, berührte unser Herz zutiefst, weil es unsere eigene Vergangenheit betraf: Die zurückliegenden zehn Jahre, quasi unser erstes Ehejahrzehnt, in dem wir zur Familie herangewachsen waren.

Diese Zeit besaß für uns seit kurzem Vergangenheitscharakter, denn wir hatten sie durch einen Umzug hinter uns gelassen: Von West-Berlin aus hatten wir uns in eine freie Welt katapultiert. Die Erinnerungen an die damals eingemauerte Stadt waren jedoch nach wie vor frisch:

Lisa Spreckelmeyer_pixelio.de
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Wenn wir sonntags auf die Idee kamen, in die Natur zu fahren, so trafen wir dort stets die übrigen Berliner, die den gleichen Einfall gehabt hatten …
Wenn wir unsere Eltern in ‚Westdeutschland‘ besuchen wollten, so mussten wir jeweils zwei Grenzen überwinden – mit beachtlichen Wartezeiten. Wie oft hatten wir unser Auto Meter für Meter der Grenzkontrolle näher geschoben, um nicht den Motor stundenlang laufen zu lassen? Ebenso verfuhren die anderen Transitfahrer hinter und vor uns und in den zehn weiteren Warteschlangen neben uns, ganz nach der Devise: ‚Wer seine Atemluft liebt, der schiebt.‘ Derweil saßen unsere Kinder in ihren Sitzen und fragten ungeduldig, ob wir denn bald am Ziel wären? Doch das lag noch etliche 100 Kilometer entfernt …

Und nun sahen wir auf der Mattscheibe die geöffneten Grenzen! Westberliner empfingen die Trabbis mit einem riesigen Jubel und schlugen vor Freude auf die Dächer der Wartburgs. Die Ostberliner konnten ihre Freiheit kaum fassen. Alle lagen sich in den Armen – und uns übermannte die Rührung. Das hätten wir nicht gedacht! Das hätten wir uns noch vor Kurzem nicht träumen oder uns ausmalen können! Wenn es nicht die Tagesschau gezeigt hätte, wir hätten es nicht geglaubt.

Das Ganze liegt nun 27 Jahre zurück und ist für uns doch unvergesslich. Wir Westberliner durften ja immer überallhin reisen. Die Bürger der damaligen DDR allerdings saßen wirklich fest. Eine Mauer markierte das Ende ihrer Bewegungsfreiheit. Sie zeigte unmissverständlich, dass sie gefangen waren und einer Ordnung gehorchen mussten, der sie nicht entkommen konnten.
Dass das für sie nicht einfach war, bewiesen die lebensgefährlichen Fluchtversuche, die leider oft mit dem Tod endeten.

Ruth Rudolph@pixelio.de
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Die weißen Kreuze an der Spree in der Nähe des Reichstags erinnerten permanent an diese Verzweiflung: Bespitzelung fror jede Meinungsfreiheit ein. Gleichmacherei unterdrückte freie Religionsausübung wie politische Vielfalt. Enteignung brach den Willen zur Investition. Gedanken wurden in feste Bahnen gezwängt. Die Reiselust lenkte man in ‚Bruderländer‘. Der 5-Jahresplan gab das Ergebnis vor, hinter der die Realität doch oft zurückblieb. Schlange stehen für Orangen und Bananen war die Folge.

Allerdings keimte an diesem 9. November 1989 Hoffnung auf: Die Freiheit winkte, und die Menschen strömten in Scharen über die Grenze.

Wie war es dazu gekommen? Seltsam, dass die Hintergründe so schnell in Vergessenheit geraten. Oder kann nicht sein, was nicht sein darf? Dann sind wir nicht besser als die ehemaligen Kursbestimmer der DDR: Gott gibt es nicht!? Die Wende ist politisch herbeigeführt worden!?
Warum aber haben dann damals Tausende montags zusammen um Befreiung gebetet? Und bekamen den Mut zur friedlichen, gewaltlosen Demonstration? Und plötzlich steht ein russischer Politiker ihnen zur Seite? Wann gab es das denn jemals zuvor? Und jemals wieder danach? Und wieso waren wir alle so positiv geschockt von den Nachrichten, mit denen wir doch im Tiefsten niemals gerechnet hätten?!

Bei jeder Gebetserhörung zweifeln wir im Nachhinein an Gott: „Das wäre sicher auch von alleine gekommen.“ Aber solche zahllosen guten Wendungen, die in meinem Leben und dem Leben anderer nach ernsthaftem Gebet geschehen sind, wären für mich zu viele Zufälle. Manches Problem war für uns Menschen nicht zu lösen, aber Gott hat gnädig eingewirkt.

FranziH_pixelio.de
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Ich finde es ideal, dass der Tag der Deutschen Einheit direkt anschließend an das Erntedankfest gefeiert wird: Da will ich mich freuen über Gottes Eingreifen in unsere Geschichte. Und will wie die Montagsdemonstranten mutig für unsere Politiker und ihre momentanen Herausforderungen beten. Gott macht den Unterschied, wenn wir ihn nur bitten. Er stellt Weichen neu und ändert die Richtung.

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