Teil I: Vor 70 Jahren

In diesen Tagen wird oft daran erinnert, wie vor 70 Jahren der Krieg zu Ende ging. Meine Mutter feierte am ersten Tag des Friedens ihren 21. Geburtstag und wurde volljährig: am 9. Mai 1945. Ihre Teenager- und Jugendzeit hat sie im Nazideutschland verbracht.

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Meine Eltern (beide schon gestorben) haben uns viel von dieser Zeit und ihrem persönlichen Ergehen erzählt; mein Vater (ein halbes Jahr älter) schrieb seine Autobiografie auf, wie er als Junge und Heranwachsender diese Zeit erlebte. Das alles ist ein unbezahlbarer Erinnerungsschatz. U. a. beschreibt dieser Fundus die erzwungene Schizophrenie frommer Jugendlicher: Zu Hause galten die Juden als Gottes Volk – in der Schule wurden sie verteufelt.

Wollten meine Mutter oder mein Vater ihren Eltern von den schrecklichen Geschichten, die sie im Alltag über Juden hörten, berichten, dann wurden sie gestoppt mit dem Hinweis, dass der Lehrer so etwas unmöglich gesagt haben könnte. In der Schule konnten sie erst recht nicht ihren Mund aufmachen, das haben sie schnell gelernt. Sie waren Kinder, später Jugendliche, die allein gelassen wurden mit ihren Fragen. Die sich ständig verbiegen und heucheln mussten.

Das war der Grund, weshalb sie uns immer wieder eintrichterten: Ihr könnt uns alles erzählen: Wir glauben euch. Wir stehen zu euch. Habt keine Angst!

Nun ist es nicht so, dass meine Großeltern nicht selbst ihre Erfahrungen gemacht haben. Mein Großvater mütterlicherseits liebte das Alte Testament und das Volk Israel. Irgendwann hat er mal seinen Mund nicht halten können und lebte eine Zeit lang in Angst, dass er festgenommen werden würde. Was genau da passiert war, hat meine Mutter nie erfahren. Erst viele Jahre nach Kriegsende hat er eine Andeutung über diese Zeit der Furcht gemacht.

Zum Ende des Krieges wurde selbst meine Mutter zum Kriegsdienst eingezogen. Sie bekam die Nachricht, dass sie sich an einem Morgen  beim Arbeitsamt melden sollte. Doch in der Nacht davor wurde Wuppertal-Barmen wieder einmal bombardiert. Als sie am nächsten Morgen zum Arbeitsamt ging, fand sie nur noch eine Ruine vor. Ratlos stand sie davor: Was sollte sie tun? Einfach nach Hause gehen? Das wäre Fahnenflucht gewesen und wurde mit Erschießen geahndet.

Während sie da steht und nachdenkt, kommt ein älterer Herr vorbei und fragt sie: „Mädchen, was ist los?“ Sie erzählt ihm von ihrer Misere. Er rät ihr: „Geh nach Hause und vernichte deine Einberufung! Erzähle niemandem von deinem Schreiben! Es spielt alles keine Rolle mehr!“

Meine Mutter befolgte, wenn auch ängstlich, den Rat, der sich als goldrichtig herausstellte. Hätte sie sich wo anders gemeldet, wäre sie noch eingesetzt worden.

Fortsetzung folgt …

 

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