Donner und Gloria!

Genial und mutig! Das war es, was ich heute dachte, als ich im Klassik-Radio die sogenannte »Zeitmaschine« hörte. Exakt vor 263 Jahren hat ein Mann zusammen mit seinem Sohn ein Experiment gestartet: Er ließ, als ein Gewitter aufzog, einen Drachen an einer nassen Schnur bis in die Wolken steigen. Am Ende der Leine war ein Schlüssel befestigt. Dieser behielt aber nicht mehr lange seine Form und bewies durch sein Schmelzen, dass Blitze gelenkt werden können: Der Blitzableiter war geboren …
Später stellte sein Erfinder, Benjamin Franklin, hohe Stangen neben Gebäude auf. Und tatsächlich, die Blitze wurden von den Häusern abgelenkt in die Erde.

Astrid Götze-Happe / pixelio.de
Astrid Götze-Happe / pixelio.de

So wird es vom 15. Juni 1752 erzählt. Und so leicht kann man sich schützen! Eine Stange aufstellen und der ganze Zorn der Naturgewalten richtet sich ausschließlich gegen diesen Pfahl.

Die Parallele liegt auf der Hand: Da wurde vor vielen Jahrhunderten schon einmal ein Pfahl aufgerichtet, allerdings aus Holz. An ihn genagelt hing ein Mensch, aus Fleisch und Blut. Und über ihn heißt es in einem Lied: »Doch dort am Kreuz, wo Jesus starb, und Gottes Zorn ein Ende fand, trug er die Schuld der ganzen Welt. Durch seine Wunden bin ich heil.«

Jesus ist unser Blitzableiter für Gottes Zorn? Ja, Gott ist es nicht egal, wie wir mit ihm und miteinander umgehen. Mich regen doch auch Ungerechtigkeiten auf! Und manchmal werde ich wütend und würde gerne tatkräftig einschreiten, um Gemeinheiten zu eliminieren oder vielleicht sogar zu rächen. Gott geht es nicht anders. Er hat ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden. Und sein Maßstab für Gerechtigkeit ist seine eigene Göttlichkeit. Wie fatal, dass wir alle diesem Richtwert nicht gerecht werden können!

Aber Gott hat eine Lösung gefunden:
»Durch Jesus hat er alles mit sich selbst versöhnt. Durch sein Blut am Kreuz schloss er Frieden mit allem, was im Himmel und auf der Erde ist. … eure bösen Gedanken und Taten trennten euch von ihm, doch nun hat er euch wieder zu seinen Freunden gemacht. Durch seinen Tod am Kreuz in menschlicher Gestalt hat er euch mit sich versöhnt, um euch wieder in die Gegenwart Gottes zurückzuholen …«

Das schrieb Paulus an die Christen in Kolossä (Kol. 1,20-22). Und damit auch uns, wenn wir uns auf der Suche nach einem »Blitzableiter« befinden. Denn Gott ist nicht nur der »liebe Gott«, sondern er ist der absolut liebende Gott, der eigenhändig für seinen Zorn eine Lösung geschaffen hat.

Benjamin Franklin bin ich dankbar: Durch ihn kann ich furchtlos im Gewitter leben. Wie dankbar aber bin ich erst Jesus Christus, der mir Angstfreiheit Gott gegenüber garantiert, indem er mich gerecht macht! Durch ihn wird mir Gott zum Vater.

Und: Wie kurzsichtig wäre ich, wenn ich keinen Blitzableiter installieren würde?

Systemfehler?

Hausplanung
Thorben Wengert / @ pixelio.de

Vor Jahren erbte ein Bekannter von uns ein Haus. Damit wurde ein Traum für ihn wahr: Er konnte mit seiner Frau aus dem Mehrfamilienhaus ausziehen in ein eigenes Heim mit Garten. Wow! Ein Geschenk Gottes!

Der Schönheitsfehler an dem Ganzen war, dass ein anderer Verwandter ihm das Erbe streitig machen wollte. Es folgte Unfrieden auf der ganzen Ebene. Da entschied sich das Ehepaar, das Haus dem Kontrahenten zu überlassen: Er sollte darin glücklich werden.

Wir lernten Hans und Ella erst nach diesem Vorfall kennen und begleiteten sie noch fast bis an ihr Lebensende: Die beiden strotzten vor Lebensfreude. Ihre Unbeschwertheit war imponierend.

Solche Menschen erinnern mich immer wieder daran, dass diese Welt eigentlich besser gemeint war, als sie heute ist. Denn schalte ich die Nachrichten ein, höre und sehe ich von Mord und Missbrauch, von Terror, Krieg und Korruption. Irgendetwas läuft da doch gewaltig schief auf unserem Planeten. Warum leben wir nicht alle wie unsere beiden Freunde und geben dem anderen den Vortritt oder verzichten auf unser gutes Recht? Kurz gesagt: Warum gehen wir oft lieblos miteinander um?

Paradoxerweise liegt das an der Liebe Gottes, die die Welt kreiert hat. Denn sie schafft es tatsächlich, sich selbst ins Abseits schieben zu lassen. Sie zwingt nämlich keinem ihre Überzeugung auf. Sie schenkt Meinungs- und Wahlfreiheit auf jedem Gebiet des Lebens, auch wo dies ihr selbst schadet.

Wenn der erste Mensch keine Wahlfreiheit gehabt hätte zwischen Gut und Böse, dann wäre er eine manipulierte Marionette gewesen. Aber dass er diese Freiheit hatte, zeugt von einem liebenden Erschaffer. Von einem mutigen Schöpfer, der es riskierte, Chaos zu ernten. Der seine Schöpfung dem freien Geschöpf anvertraute, wohl wissend, dass dieses alles vermasseln kann.

Ja, und deshalb leiden wir heute an den Fehlentscheidungen aller Generationen vor uns, an solchen unserer Weggefährten und an unseren eigenen. Und an uns leiden unsere Familien und Freunde, unsere Nachbarn und Kollegen.

Doch Gott hält immer noch an seinem Ziel fest, eine Welt zu schaffen, in der pure Liebe, also er selbst, herrscht. Wo sein System zur Vollkommenheit gelangt. Wo die sind, die sich freiwillig für ihn entschieden haben. Wir sprechen da platt vom »Himmel«. Gemeint ist eine neue Erde, die nach dieser alten erscheinen wird. In die wir nach dem Sterben gehen können. Aber weil dort nur vollkommene Liebe ihren Platz hat, habe ich da mit meinen Lieblosigkeiten eher keinen Zutritt.

Burkard Vogt / @ pixelio.de
Burkard Vogt / @ pixelio.de

Was macht deshalb Gott? Er nimmt meine Schuld auf sich, trägt die elende Strafe selbst und gibt mir so die Chance, schuldlos in diese neue Welt zu kommen.

Wer hier während seiner Lebenszeit sein Leben in Gottes Hand legt und Gottes Wesen in sich Raum gibt und umsetzt, der gehört untrennbar zu ihm – für Zeit und Ewigkeit.
Und was ist mit unserer Zwischenzeit, in der wir jetzt leben? Die, die sich für Gott entscheiden, »üben« die Liebe schon einmal. Mit Hand und Herz, mit Köpfchen und Kreativität. Eine Gebrauchsanweisung dazu gibt uns die Bibel.
Das war auch das Geheimnis von Hans und Ella: Sie taten mit dem Herzen, was sie dort lasen.

 

Von Münzen und Menschen

Egal, welche Münze ich in die Hand nehme: Ich könnte den Wert fühlen. Er wurde in das Metall eingeprägt.

Gestern stolperte ich über ein kleines Wort, das in der Predigt fiel: das Wörtchen »beeindruckt«. Es ging um die spannende Geschichte, die sich genauso heutzutage in manchen Ländern zuträgt: Zwei Männer sollen daran gehindert werden, von Jesus zu erzählen. Sie müssen deshalb eine unangenehme Nacht im Gefängnis verbringen – mit der Ungewissheit, wie viele Tage und Nächte es wohl noch werden? Und ob sie unversehrt wieder die Außenwelt erleben können? (Apostelgeschichte 4)

Ein beeindruckendes Erlebnis für diese zwei und ihre Freunde! Kurz nach dieser Begebenheit werden auch schon die ersten Christen hingerichtet: Jakobus und Stephanus. Viele folgen ihnen unmittelbar darauf. Die Angst geht um und will die Christen lähmen.

Wenn heute die IS-Terrormiliz Videos von Köpfungen veröffentlicht, verfolgt sie genau diese Taktik: Angst soll die Gegner tief prägen und mutlos machen.

Zurück zur Geschichte, denn hier passiert das Außergewöhnliche: Statt die Waffen zu strecken und den Mund ab sofort zu halten, gehen die beiden Männer in ihre Gemeinde. Dort berichten sie alles und dann … ja dann bitten sie Gott um den Mut, den Mund aufzumachen und von Jesus weiter zu erzählen. Und Gott? Er erhört dieses Gebet sofort, so dass alle Beteiligten in ihrem Umfeld Jesus verkündigen.

Ja, wieso lassen sie sich nicht von der drohenden Gefahr bestimmen? Was ist ihr Geheimnis? Was kann ich von ihnen lernen?

Es ist die Prägung. Ich selbst lasse mich zu oft durch einfaches Säbelrasseln beeindrucken. Mir prägt sich das Gefühl der Hilflosigkeit bei dem Vorwurf, intolerant zu sein, zu tief ein – nur weil ich Jesus als den einzigen Weg zu Gott bekenne. Oder ich bin beeindruckt von den Medien, die Christen als ewig gestrig und fundamentalistisch darstellen – nur weil sie sich an den Maßstab der Bibel halten. Es geht letztendlich immer um das, was den tieferen Eindruck in mir hinterlässt.

Doch es gibt Hilfe. Als Christ kann mich zunehmend die Liebe Gottes prägen. So wird einerseits die Liebe zu Gott selbst spürbar, die bereit ist, sich ganz in seinen Dienst zu stellen. Andererseits zeigt sie sich an der Liebe zu den Menschen, die Gottes Rettung an sie weitergibt.
An dieser Prägung kann ich selbst aktiv mitgestalten, indem ich ein paar Entscheidungen treffe: In welcher Prägeanstalt will ich leben? Ist Gott oder sind Menschen meine Münzmeister?

IMG_2992[1]An der Prägung erkenne ich den Wert der Münze. Und meine Prägung bringt auch ans Licht, woher ich stamme.

Vorsicht – der Kuckuck ruft!

Es ist ein besonderes Frühjahr: Heuer weckt mich der Kuckuck manchmal bereits vor 6 Uhr mit seinem typischen Ruf. Ich lausche auf ihn und staune, dass er sich von den anderen Stimmen im Morgenkonzert so unterscheidet. Doch auf einmal höre ich ihn mit den Ohren der Amsel – und plötzlich wird mir ganz bange: „Der Kuckuck ist wieder da!“

Als Amselmutter schaue ich mir die Eier im Nest an und überlege, ob nicht vielleicht eins größer als die anderen ist? Welches gehört womöglich nicht hierher? Es ist ja kaum zu erkennen … Das werde ich wohl erst merken, wenn die Kleinen geschlüpft sind. Dann wird aus einem ein Riesenbaby, das die anderen aus dem Nest schubst, um Platz zu haben. Zum Kuckuck noch mal – dann ist es zu spät!

Erschrocken fahre ich aus meinem Traum auf: Nein, das darf nicht sein, nicht in meinem „Nest“ und nicht in den Nestern aller Menschen. Aber ich realisiere, dass unsere Gemeinschaften genauso gefährdet sind wie die Amselfamilien. Sobald sich ein Mitglied zu breit macht und versucht, groß herauszukommen, geht das auf Kosten der anderen. Deshalb fordert Jesus uns heraus: Wer der Größte sein will, soll den anderen dienen: zu Hause und in der Gemeinde.

Dann lässt Frau Gernegroß den anderen den Vortritt; Herr Mustermann wird ein Vorbild darin, sich um benachteiligte Menschen zu kümmern; Hans Dampf holt die Kinder der Alleinerziehenden zur Pfadfinderstunde ab und Otto Normalo sieht und begrüßt Hänschen, aus dem einmal ein Hans werden soll.

Inzwischen ist es sechs Uhr: die Traumphase ist zu Ende und es wird Zeit, meine Fantasien in die Tat umzusetzen. Also stehe ich auf und gehe in die Küche. Aber bevor ich selbst das Dienen umsetzen kann, hat bereits mein Göttergatte die Initiative ergriffen und den Frühstückstisch gedeckt. Da soll ich mich in meinem eigenen Nest nicht wohl fühlen?

 

 

 

Ich habe da noch eine Rechnung offen …

Ich liebe Bücher. Und ich bin ein Fan von E-Books. Meine Familie kann mir kaum eine größere Freude machen, als mir zu Weihnachten einen Gutschein von einem netten Verlag zu schenken, mit dem ich dann das Jahr über immer wieder Bücher kostenlos herunterladen kann.

So herrlich einfach ist das: Ich suche mir im Onlineshop ein Buch aus, stecke es in den Warenkorb und gehe auf die Rechnungsseite: Nun noch die Nummer des Gutscheins eingeben und voilà: Schon ist der gewünschte Roman auf meinem E-Book-Reader.

Ich rechne also nicht nur mit dem zu bezahlenden Preis, sondern ebenso mit dem Gutschein. Und dieses System ist sogar biblisch! Gott fordert uns auf, mit seinem „Gutschein“ zu rechnen:  „Seine Freude hat Gott an Menschen, die ihn ehren und ihm gehorchen und die mit seiner Güte rechnen. (Psalm 147,11)

Klar, die ersten Beträge sind auch zu bezahlen: Gott ehren und ihm gehorchen. Aber genauso wichtig ist die letzte Zeile auf der Rechnung: die Güte Gottes.

Im Klartext: Was mir die Zukunft bringt, weiß ich nicht. Aber dass ich nicht jünger werde, sondern älter, ist eine unumstößliche Wahrheit.

Nun gebe ich die Nummer von Gottes Gutschein ein – PS 147,11: Ich bleibe dabei, ihn zu ehren, mich nach seinem Wort zu richten und werde Gottes Güte erleben. Warum sollte ich mich vor morgen fürchten, wenn Gott mir sein Gutes zusagt?

Warum ich das glaube? Weil ich es nun schon Jahrzehnte lang teste (und nicht nur ich): In allem habe ich erlebt, dass Gott uns aufgefangen hat und uns Frieden gegeben hat. Und unser Leben bestand nicht nur aus Urlaub, sondern in erster Linie aus Alltag mit allen Höhen und Tiefen.

Fazit: Ich mache die Rechnung nicht ohne den Wirt!

 

 

Zwei Gründe, die mich dankbar machen

Heute ist Muttertag. An diesem Tag bin ich aus zwei Gründen außerordentlich dankbar:

1. Ich hatte eine Mutter und einen Vater, die mir eine wunderschöne Kindheit ermöglicht haben. Dazu gehörte kein Wohlstand, sondern Zeit, die sie mir schenkten:

Zeit, die ich beim Spielen draußen wie drinnen verbringen durfte zusammen mit meinen Geschwistern und Freunden;

Zeit, die sie selbst mit uns verbrachten: bei Monopoly, bei Ausflügen an den Rhein, bei der Kontrolle unserer Hausaufgaben in den ersten Schuljahren: das letztere war nicht gerade immer mein Favorit, aber sehr sinnvoll, wie ich später eingesehen habe 🙂

Auf vielen Spaziergängen, bei denen meine Mutter und ich alleine waren, haben wir uns über das Leben im Kleinen und Großen unterhalten. Dazu gehörte auch ihre eigene Entzauberung. Ab und zu hat sie mich darauf hingewiesen, dass sie als Eltern nicht perfekt sind und Fehler haben – wir würden sie schon noch bemerken. Wenn die Zeit für mich reif war, hat sie mich an ihrem früheren Leben teilhaben lassen, welches nicht immer rund gelaufen war. Auch viel Schönes oder Lustiges erzählte sie mir. Meinen Eltern war nichts Menschliches fremd.

Diese Zeit, die ich mit meiner Mutter verbracht habe, hat uns damals zusammen geschweißt und ist heute noch meine vorherrschende Erinnerung an sie. Ich glaube, meinen Geschwistern geht es ähnlich.

Woher nahm sie nur diese Zeit, die sie uns schenkte? Sie war ihr selbst wichtig. Einmal sprach sie zu mir über Erziehung: „Redet man nicht mit seinen Kindern in der Kindheit, werden sie es in der Pubertät umgekehrt auch nicht tun.“ Mit anderen Worten: Der Gesprächsfaden muss früh gesponnen werden und darf nicht abreißen.

Ihr war es gelungen, dass wir gerne miteinander redeten.

2. Der zweite Grund, warum ich heute dankbar bin, ist, dass ich meinen Eltern im Alter noch „Danke“ gesagt habe.

Als mein Vater mit 79 Jahren einen schweren Unfall hatte und auf der Intensivstation lag, habe ich ihm zum ersten Mal bewusst gesagt, dass ich ihn lieb habe. Denn im Gegensatz zu meiner Mutter hatte ich zu ihm nicht so eine Nähe. Diese „Liebeserklärung“ war für mich zwar Wahrheit, aber keine Kleinigkeit. Von da an habe ich ihm das möglichst bei jedem Besuch mitgeteilt. Er wusste es zwar, aber es verband uns.

Wenn ich meine Mutter in den letzten Jahren besuchte, war ein normales Gespräch nicht mehr möglich. Sie konnte ihren Gedanken keinen Ausdruck mehr verleihen. 2014-02-27 16.12.13-1So saßen wir manchmal einfach nur stumm beisammen und ich hielt ihre Hand. Alles war so unwichtig geworden: Nichts war mehr relevant als allein die Liebe, die uns verband.
Auch ihr durfte ich jedesmal zum Abschied sagen: „Du warst die beste Mutter, die ich haben konnte! Ich habe dich sehr lieb!“ Dann antwortete sie (und das konnte sie dann fast immer!): „Ich dich auch, Kind!“

 

Teil IV: Endlich Frieden! Endlich Frieden?

Heute wäre meine Mutter 91 Jahre alt geworden. Und vor 70 Jahren war es der erste Tag ihrer Volljährigkeit. Gleichzeitig war es auch der erste Tag des Friedens, der bis jetzt 70 Jahre andauert. Aber brachte die Zeit nach dem Krieg ihr wirklich den ersehnten Frieden?

Klar, die Luftschutzbunker mussten nicht mehr plötzlich und vor Angst zitternd mitten in der Nacht aufgesucht werden. Auch die Bombenangriffe mitten am Tag hörten auf. Nach und nach stellte sich die Hoffnung ein, dass das Leben wieder sicherer und verlässlicher werden würde.

Doch „das Leben ist mehr als Essen und Trinken“ (Matthäus 6,25) … Der Krieg zu Ende – und nun? Wo gab es Leben, dass sich lohnte? Auf der Suche danach kam es zu Irrungen und Wirrungen, die meine Mutter letztendlich in Depressionen stürzten. Sie wusste um ihre falschen Wege, sie wusste auch, wie verkehrt ihre gewählten Auswege waren – und litt unter ihrer eigenen Schuld. Der äußere Friede hatte ihr Herz nicht erreicht.

In diese Depression hinein wollte meine Großmutter, die keine Ahnung von den Ursachen der inneren Kämpfe ihrer Tochter hatte, sie aufmuntern und lud sie zu einer Freiluft-Evangelisation ein. Um es vorweg zu nehmen: Nein, meine Mutter bekehrte sich dort nicht. Allerdings war mein Vater ebenfalls dort und sah sie seit Jahren zum ersten Mal wieder. Auch sein Herz wurde an diesem Tag nicht durch die Predigt angesprochen, sondern es verliebte sich unsterblich in die junge Frau mit dem kupferroten Haar.

In den folgenden Wochen kam er immer wieder an dem Handarbeitsgeschäft vorbei, wo meine Mutter arbeitete. Und immer hatte sie gerade Feierabend – welch ein Zufall … Sie verstanden sich prächtig und bald glaubte meine Mutter nicht mehr an glückliche Zufälle.

Inzwischen war ihr klar geworden, dass sie mit der erdrückenden Schuld nicht mehr froh werden würde. Sie suchte einen der Ältesten ihrer Gemeinde auf und legte eine umfassende Beichte ab. Im Namen Gottes sprach er ihr die Vergebung zu, die sie so sehr gesucht hatte. Später sagte meine Mutter über diese Erfahrung: „Ich weiß, was Vergebung bedeutet!“

Befreit, erleichtert, ja geradezu neu geboren trat sie den Weg nach Hause an, als mein Vater ihr begegnete. Er brauchte genauso Mut an diesem Tag, denn er wollte sie etwas wichtiges fragen: „Willst du meine Frau werden?“ Als er die Worte ausgesprochen hatte, antwortete meine Mutter, dass sie ihm erst etwas sagen müsse. Doch mein Vater verstand schnell, worum es sich handelte und reagierte wie vorher der Gemeinde-Älteste: Nun sei alles geklärt und spiele in der Zukunft keine Rolle mehr. Auch seine eigene Vergangenheit sei bereinigt.

Jetzt war wirklich endlich Frieden. Die Kriege der Vergangenheit wurden nur noch gebraucht, um daraus zu lernen. Meine Eltern haben ihr gegenseitiges Ja-Wort in großer Liebe und Achtung voreinander 50 Jahre lang gelebt, bis mein Vater als erster von beiden zu Gott heimging. Meine Mutter folgte ihm vier Jahre später.

Teil III: Von Kohlen, Kohldampf und Köstlichkeiten

Wie schockiert waren wir als Teenager, als meine Oma väterlicherseits uns einmal beim Abendessen erzählte, wie sie in Kriegszeiten Kohlen aus einem Güterzug geklaut hatte. Meine Großmutter ein Dieb? Ich weiß noch, wie sich unter uns eine Diskussion entfachte, ob Not so etwas rechtfertigte … Bis mein Vater dazwischen ging und mit aller Deutlichkeit zu verstehen gab, dass wir keine Ahnung von Kälte und Hunger hätten und dass das Leben wichtiger sei als Paragraphen.

Auch die Familie meiner Mutter litt 1945 Not. Mein Opa, den ich nur als wohlgenährt und füllig gekannt habe, glich zum Ende des Krieges einem Strich. Es gab fast kein Fleisch mehr, kaum Gemüse oder Obst, Getreide war Mangelware. Wer nicht auf dem Land wohnte, hatte schlechte Karten. Und meine Herkunftsfamilien waren Städter.

Meine Oma hatte da ein Erlebnis der besonderen Art. Als der Hunger so richtig weh tat, fand sie in ihrem Garten einen fertigen Braten. Doch statt ihn schnell auf den Tisch zu bringen, fragte sie überall in der Nachbarschaft nach, ob einer seine Mahlzeit vermissen würde? Überall nur Kopfschütteln und ungläubiges Staunen. Bevor nun das Fleisch schlecht werden konnte, aß die Familie voller Dankbarkeit das Geschenk auf und freute sich riesig.

Ein paar Tage später wurde meine Oma Zeugin, wie eine Frau in einem Geschäft erzählte, dass eine Katze ihren Sonntagsbraten geklaut hätte. Meine Großmutter beichtete der Dame daraufhin, wie köstlich ihnen die Mahlzeit geschmeckt hatte. Die Frau reagierte tatsächlich dankbar und meinte, da habe die Katze das Essen zu den Richtigen gebracht: Sie selber hätten es nicht so nötig gehabt.

Nun könnte man meinen, die Familien meiner Eltern hätten verschiedene Maßstäbe gehabt, was ihre Moral und Ethik anging. Ist Mundraub erlaubt? Oder versorgt Gott immer durch Wunder? Doch es gab etwas, was in beiden Familien identisch war.  Alle meine Großeltern waren aktive Bibelleser. Und damit meine
ich wirklich aktiv: So lag auf dem Tisch der einen Oma noch im Altenheim die Bibel aufgeschlagen mit einer großen Leselupe darüber. Ebenso lag vor meinem IMG_2794[1]Opa mütterlicherseits Gottes Wort aufgeschlagen, stets bereit zum Weiterlesen. Weder Elend noch Entbehrungen, weder späteres Sattsein noch sicheres Wohnen haben sie davon abhalten können, Gottes Wort zu lesen und zu halten. Das war und blieb ihre geistliche und seelische Nahrung.

Ich gehöre zur Enkelgeneration und bin selbst inzwischen Großmutter. Doch das Vorbild meiner Großeltern beeindruckt mich auch heute noch, zig Jahre danach.

Teil II: Hat Gott Lieblinge?

„Ist das ein Gott der Liebe? Warum passiert das ausgerechnet uns?“

So hätte die Familie meines Vaters fragen können. Allerdings habe ich Zweifel an Gottes Liebe bei keinem von ihnen vernommen. Was ich hörte, war schon einmal Ärger über unüberlegte Äußerungen anderer, in dem Stil: „Dass Gott uns lieb hat, sieht man daran, dass er uns behütet hat.“ Aber was war mit meinen Großeltern und ihren vier Kindern? Hatte Gott sie weniger lieb?

Mein Vater war mit 14 Jahren Elektriker geworden. Lange Zeit konnte sein Betrieb ihn als kriegswichtig zu Hause halten. Doch dann kam der gefürchtete Einberufungsbefehl: Er musste mit etwa 20 Jahren nach Russland. Dort, an einer anderen Front, kämpfte auch sein älterer Bruder.

Mein Vater wurde Funker. Nachrichten empfangen und oder morsen war nun sein Auftrag. Oder, wenn die Verbindung unterbrochen war, den Fehler finden und beheben. Dazu verließ er die Sicherheit des Schützengrabens und huschte hinaus ins Land. Bei einem dieser „Ausflüge“ explodierte eine Granate in seiner Nähe. Ein Splitter drang in seinen Kopf ein. Bewusstlos blieb er lange im Schnee liegen, bevor er gefunden wurde.

Den Rest seines Lebens verbrachte er als Schwerstbehinderter: Rechtsseitig gelähmt, ein Fuß erfroren und deshalb amputiert, ebenso nach vielen Operationen sein rechter Arm. Das Sprechen musste er neu lernen. Zum Schluss bekam er noch Tuberkulose. Fünf Jahre verbrachte er in verschiedenen Lazaretten, Krankenhäusern und Lungenheilanstalten. Der Splitter selbst konnte nicht entfernt werden und verursachte so manches Mal Kopfschmerzen. Außerdem blieb er eine Gefahr das ganze Leben lang: Er konnte durch einen Stoß weiter wandern …

Der Bruder meines Vaters kehrte aus Russland nicht zurück. Bevor er als vermisst gemeldet wurde, starb seine Tochter an einem tragischen Unfall. Meine junge Tante blieb allein übrig und wartete viele Jahre umsonst, ob nicht ihr Mann als Spätheimkehrer zurück kommen würde. Auch meine Großeltern saßen Jahr für Jahr vor dem Radio, wenn das Rote Kreuz Namen von denen vorlas, die aus russischer Gefangenschaft frei gekommen waren. Vergeblich. Enttäuschung jedes Mal aufs Neue.

Die Eltern meiner Mutter erlebten die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges völlig anders: Von sieben Kindern waren die zwei Söhne als Soldaten im Krieg, eine Tochter arbeitete als Krankenschwester in einer anderen Stadt, die drei jüngsten Töchter wurden ins hessische Hinterland evakuiert. Nur meine Mutter blieb übrig und „genoss“, als einziges Kind zu Hause zu sein. Meine Großmutter aber verzagte beinahe in der Angst um ihre Kinder. In ihrer größten Not bekam sie das Versprechen von Gott, dass alle sieben wohlbehalten zurückkehren würden. Und so geschah es auch. Eine Seltenheit in den Ländern, die in den Krieg verwickelt waren.

Meine Herkunftsfamilien: Zwei Familien aus demselben schuldigen Volk, derselben Stadt und derselben Gemeinde. Zwei völlig verschiedene Führungen. Hat Gott Lieblinge? Ist Gott ungerecht?

Die Familie meiner Mutter hat ihre Unversehrtheit zum Anlass genommen, ein fremdes Flüchtlingsmädchen, das seine Eltern verloren hatte, als eigenes Kind aufzunehmen und ihm ein neues Zuhause zu geben. So wurden aus sieben Kindern acht.

Die Familie meines Vaters hat die Verluste tapfer getragen. Ich kenne sie trotz allem als sehr fröhliche Verwandtschaft, voller Humor. Auch mein Vater konnte herzhaft über vieles lachen. Und tatsächlich: Als Kind ist mir kaum bewusst gewesen, dass er behindert war. Das spielte bei uns nur eine untergeordnete Rolle.

Hat Gott Lieblinge? Ist er ungerecht? Ich glaube, dass hier ein tiefes Geheimnis verborgen ist. Eine Antwort von vielen gibt vielleicht die Geschichte von dem anvertrauten Geld (oder Leben?) in der Bibel. (s. Matthäus 25,14-30) 

http://www.bibleserver.com/text/GNB/Matth%C3%A4us25

Was machen wir aus unserem Leben? Gebrauchen wir den Segen und die Bewahrungen, die wir erfahren, vor allem für uns selbst? Oder setzen wir unser so oft behütetes Leben Gewinn bringend für andere ein?

Teil I: Vor 70 Jahren

In diesen Tagen wird oft daran erinnert, wie vor 70 Jahren der Krieg zu Ende ging. Meine Mutter feierte am ersten Tag des Friedens ihren 21. Geburtstag und wurde volljährig: am 9. Mai 1945. Ihre Teenager- und Jugendzeit hat sie im Nazideutschland verbracht.

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Meine Eltern (beide schon gestorben) haben uns viel von dieser Zeit und ihrem persönlichen Ergehen erzählt; mein Vater (ein halbes Jahr älter) schrieb seine Autobiografie auf, wie er als Junge und Heranwachsender diese Zeit erlebte. Das alles ist ein unbezahlbarer Erinnerungsschatz. U. a. beschreibt dieser Fundus die erzwungene Schizophrenie frommer Jugendlicher: Zu Hause galten die Juden als Gottes Volk – in der Schule wurden sie verteufelt.

Wollten meine Mutter oder mein Vater ihren Eltern von den schrecklichen Geschichten, die sie im Alltag über Juden hörten, berichten, dann wurden sie gestoppt mit dem Hinweis, dass der Lehrer so etwas unmöglich gesagt haben könnte. In der Schule konnten sie erst recht nicht ihren Mund aufmachen, das haben sie schnell gelernt. Sie waren Kinder, später Jugendliche, die allein gelassen wurden mit ihren Fragen. Die sich ständig verbiegen und heucheln mussten.

Das war der Grund, weshalb sie uns immer wieder eintrichterten: Ihr könnt uns alles erzählen: Wir glauben euch. Wir stehen zu euch. Habt keine Angst!

Nun ist es nicht so, dass meine Großeltern nicht selbst ihre Erfahrungen gemacht haben. Mein Großvater mütterlicherseits liebte das Alte Testament und das Volk Israel. Irgendwann hat er mal seinen Mund nicht halten können und lebte eine Zeit lang in Angst, dass er festgenommen werden würde. Was genau da passiert war, hat meine Mutter nie erfahren. Erst viele Jahre nach Kriegsende hat er eine Andeutung über diese Zeit der Furcht gemacht.

Zum Ende des Krieges wurde selbst meine Mutter zum Kriegsdienst eingezogen. Sie bekam die Nachricht, dass sie sich an einem Morgen  beim Arbeitsamt melden sollte. Doch in der Nacht davor wurde Wuppertal-Barmen wieder einmal bombardiert. Als sie am nächsten Morgen zum Arbeitsamt ging, fand sie nur noch eine Ruine vor. Ratlos stand sie davor: Was sollte sie tun? Einfach nach Hause gehen? Das wäre Fahnenflucht gewesen und wurde mit Erschießen geahndet.

Während sie da steht und nachdenkt, kommt ein älterer Herr vorbei und fragt sie: „Mädchen, was ist los?“ Sie erzählt ihm von ihrer Misere. Er rät ihr: „Geh nach Hause und vernichte deine Einberufung! Erzähle niemandem von deinem Schreiben! Es spielt alles keine Rolle mehr!“

Meine Mutter befolgte, wenn auch ängstlich, den Rat, der sich als goldrichtig herausstellte. Hätte sie sich wo anders gemeldet, wäre sie noch eingesetzt worden.

Fortsetzung folgt …