Ach du Schreck!

20160526_134146Darf ich vorstellen: Das ist unsere Ringelnatter! Im letzten Sommer entdeckten wir uns gegenseitig. Wir waren beide etwas verblüfft. Sie wollte sich auf unserer Terrasse sonnen, während ich dort in ein Buch vertieft war. Aus dem Augenwinkel hatte ich eine Bewegung wahrgenommen, woraufhin meine erschrockene Reaktion sie in Alarmbereitschaft setzte. So starrten wir uns ein paar Sekunden an, bevor sie geräuschlos in die Hecke zurückglitt.

Dieses Jahr beglückte sie uns bereits drei Mal. Vorgestern genoss sie neben unserer Terrassentür die Sonne. Ich trat heraus und hörte einen zischelnden Laut. Als ich mich umdrehte, sah ich nur noch, wie sie sich unter den Putz unseres Hauses flüchtete.

IMG_20160526_134127Was soll ich tun? Sie ist völlig ungefährlich, sieht richtig schön aus und steht unter Naturschutz. Trotzdem ging ich in den vergangenen Tagen immer mit einem suchenden Blick durch unseren Garten und versuchte, eine direkte Begegnung zu vermeiden. Meine Lauscher sind inzwischen auf zischelnde Geräusche geeicht. Und tatsächlich, als ich gestern Abend um unsere Hausecke kam, hörte ich es wieder … Meine Augen fahndeten an der Hauswand entlang nach dem Reptil, als ich auch schon eine Bewegung an der Terrassentür bemerkte. Erschrocken zuckte ich zusammen – und erkannte meinen Mann, der sich lachend in der Sprache der Schlangen übte. (Er hat es überlebt 🙂 )

Ist es nicht erschreckend, wie beeinflussbar wir Menschen sind? Unsere Gedanken und Sinne sind auf eine bestimmte Sache gerichtet – und wie schnell erkennen wir die Wahrheit nicht mehr. Statt von der größeren Wahrscheinlichkeit auszugehen, dass meine bessere Hälfte in der Tür steht, erwarte ich ein relativ seltenes Tier.

In diesem Zusammenhang beschäftigt mich eine Überlegung. Kann es sein, dass wir Gott manchmal gar nicht wahrnehmen, weil wir nicht mit ihm rechnen? Oder weil wir sein Reden zu uns verkehrt deuten? Nicht, dass er sich wie mein Mann einen Scherz erlaubt und uns irreführt. Nein, sondern wir alle sind Kinder unserer Zeit und unsere Vorstellungen sind geprägt durch unsere Gesellschaft.

Ein Beispiel:

Bei uns gilt in der Kindererziehung ein Klaps auf den Windelpo schon als Menschenrechtsverletzung. (Bitte versteht mich nicht falsch: Ich bin gegen Gewaltanwendung in jeglicher Form!)

Dieter Schütz @ pixelio.de
Dieter Schütz @ pixelio.de

Aber manchmal entspricht es durchaus der Liebe, einem Kind deutlich zu machen, dass eine heiße Herdplatte oder ein zugefrorener See gefährlich werden können.

Mit dieser Voreinstellung, dass alles, was mich traurig macht oder mich behindert, nicht von Gott kommt, werde ich sein Führen in meinem Leben nicht immer erkennen. Wenn ich Gott nur als denjenigen ansehe, der für mein Glück zuständig ist, werde ich sein Handeln, das auf unser aller Heil abzielt, oft nicht registrieren.

Und kann es nicht sein, dass manch ein Christ deshalb ins Krankenhaus oder in die Psychiatrie muss, weil Gott ihn als seinen Boten dorthin schickt? Denn nur ein Kranker kann glaubhaft anderen Kranken Gottes Frohe Botschaft weitergeben.

So lässt Gott manches in unserem Leben zu, weil er das Beste für alle im Sinn hat. Dieses Denken jedoch passt nicht in unsere Zeit, wo der Einzelne im Fokus steht – oder wo nur das Gesunde, Fitte oder Heile als gut angesehen wird.

Nein, ich sehne mich wirklich nicht nach diesen Erfahrungen. Aber wenn ich sie doch mache, will ich die Brille meiner Tradition oder des Zeitgeistes ablegen. Ich will versuchen, die Augen für Gottes Wahrheit zu öffnen. Vielleicht erkenne ich ihn und kann dann erleichtert „Ja“ zu ihm sagen, obwohl ich mich erst einmal erschrocken habe.

Hab Mut!

Als ich heute Morgen ins Wohnzimmer kam, sah ich sofort, dass sie den Kopf hängen ließ. Mir war zwar schleierhaft, wieso, denn gestern Abend schien sie noch fit zu sein. Sie war auch die Einzige in der Gesellschaft, die so mitleiderregend aussah. Alle anderen Tulpen in der Vase standen aufrecht und blühten fröhlich vor sich hin.Tulpe schlapp 1

Also nahm ich sie heraus, schnitt ein Stück vom Stängel ab und stellte sie erneut in frisches Wasser. Und das Wunder geschah: Gegen Mittag hatte sie sich vollständig aufgerichtet. Wow, beeindruckend!

Unsere Generation scheint mir wie eine Blumenvase voll durstiger Tulpen zu sein: Aus verschiedenen Anlässen verschließen wir uns der Furchtlosigkeit. Statt den Blick auf Gott und seine Macht zu richten, sehen wir in erster Linie auf unsere eingeschränkten Möglichkeiten. So dauert es gar nicht lange und wir lassen den Kopf mutlos sinken.

Der Anstoß zu dieser unseligen Verhaltensweise kann ein Gespräch mit einer Kollegin sein. Ganz normal beginnt es, bis plötzlich unterschiedliche Sichtweisen auftreten. Wir versuchen, die andere zu überzeugen, doch die Standpunkte verfestigen sich zu Bastionen. Zwar gehen wir noch freundlich auseinander, aber innerlich diskutieren wir weiter: Erst Stunden, dann Tage. Längst geht es nicht mehr um die eigentliche Frage, sondern um unser Rechthaben. Die Kontrahentin wird als Bedrohung der eigenen Überzeugung wahrgenommen. Dadurch wird die Zufuhr zur Unerschrockenheit blockiert. Innerlich vertrocknen wir, sind geknickt und lassen den Kopf mutlos hängen.

Oder uns beschäftigt ein gesundheitliches Problem. Die Idee, dass es gefährlich werden könnte, setzt sich fest. Unsere Gedanken drehen sich wie ein Karussell um diese eine Sache. Wir haben nicht mehr die Muße oder Ruhe, unsere Mutreserven aufzufüllen. Wir lassen den Kopf mutlos sinken.

Terroranschläge, Flüchtlinge in großer Zahl, Rechtsruck in der Gesellschaft: Wir werden bombardiert mit schlechten Nachrichten und lassen uns wie ein Opfer von der Schlange in den Bann ziehen. Statt den Blick zu Gott hoffnungsvoll zu heben, lassen wir den Kopf mutlos sinken.

Eins der schönsten Gebote Gottes steht in Josua 1:
»Habe ich dir nicht geboten, dass du stark und mutig sein sollst? Sei unerschrocken und sei nicht verzagt; denn der Herr, dein Gott, ist mit dir überall, wo du hingehst!« (Vers 9).

Tulpe 2Gott gebietet nicht nur Josua damals, sondern genauso auch uns heute: »Sei zuversichtlich! Sei beherzt! Du stehst zwar vor einem unüberwindlichen Problem, aber ich befinde mich direkt neben dir. Sage mir deine Befürchtungen. Bitte mich darum, dass ich die Sache in Ordnung bringe.«

Freilich mussten die führenden Israeliten seinerzeit den ersten Schritt im Vertrauen auf Gott tun und bekamen dabei nasse Füße. Doch er ließ sich nicht lumpen und schaffte den Weg durch den Fluss.

Diese Erfahrung mache ich durchgängig: Erst erstarre ich vor einer Nachricht. Oder mein Herz verkrampft sich wegen einer Kontroverse. Dann allerdings erinnere ich mich an meinen mächtigen und gütigen Gott. Sobald meine Augen ihn in den Blick genommen haben, strömen Zuversicht und Mut in mein Herz. Es lässt sich augenblicklich gelassener und froher leben. Und dann gehe ich die Schritte, die Gott mir zeigt und für mich bahnt.

 

Freiheit!

Wilhelmine Wulff @ pixelio.de
Wilhelmine Wulff @ pixelio.de

Hoffentlich klappte das. Die Patientin war schwierig und penetrant in ihren Forderungen nach einer Schlaftablette. Ich befand mich allein auf der Station und der Arzt hatte unmissverständlich klar gemacht: kein weiteres Schlafmittel!
Sie aber nörgelte herum, glaubte mir nicht, was der Arzt gesagt hatte, und bezichtigte mich der Faulheit und Sturheit. Ich sah keine andere Möglichkeit mehr, ging in die Stationsküche, nahm von unserem Pfefferminztee 10 abgezählte Tropfen und verdünnte sie in einem Messbecherchen mit Wasser. Dann kehrte ich in ihr Zimmer zurück und gab sie ihr mit der Erklärung, dass das genau 10 Tropfen eines bewährten, hilfreichen Mittels seien. Erst war sie skeptisch, aber ich versicherte ihr, dass es nicht nur Wasser war.
Am nächsten Mittag, als ich wieder auf Station erschien, wurde mir mitgeteilt, dass die Patientin voll des Lobes für mich war: Ich hätte ihr endlich Mal eine Arznei gegeben, die geholfen hat. Sie habe bestens geschlafen!
Das ist nun etwa 40 Jahre her. War diese Frau psychisch gestört? Nein, ihr Verhalten war und ist typisch für die meisten Menschen: Was wir glauben, beeinflusst unser Leben.
Da kommt einem als Christ schnell die Frage:

Jens Roth @ pixelio.de
Jens Roth @ pixelio.de

Ja, warum bin ich dann nicht fröhlicher, gelassener und hoffnungsvoller? Ich glaube doch an die Frohe Botschaft von Jesus!
Jain, habe ich festgestellt, viele von uns glauben zwar an Jesus und folgen ihm von ganzem Herzen nach – aber wir glauben nicht wirklich das, was im Neuen Testament steht. Wir sind so in unserer westlichen, christlichen Kultur verwurzelt, dass wir manchmal kaum merken, wie knapp am Evangelium vorbei wir glauben.
Eine Testfrage dazu:
Ist uns klar, dass wir »gesetzlos« sind? Dass wir keinem Gesetz unterstehen? Dass Gott uns einmal am Ende der Zeit nicht fragen wird, ob wir moralisch gut gelebt haben? Sein einziges Thema wird die Liebe sein, ob wir sie geübt haben. Ob wir ihn geliebt haben, indem wir den Menschen Gutes getan haben.

Jesus sagte von sich, dass er das Gesetz erfüllt hat. Paulus sah sich als jemanden, der nicht mehr unter dem Gesetz steht.
Jesus setzte ein neues Gebot ein: Liebt einander, wie ich euch geliebt habe.

IMAG0068Welch eine Freiheit! Ich muss nicht verkrampft schauen, ob ich etwas nicht darf oder gerade doch tun sollte. Meine Triebfeder ist nicht ein schlechtes Gewissen. Alleiniger Maßstab ist die Liebe: Worüber freut sich mein Mann? Was hilft dem Nachbarn? Womit kann ich dem Flüchtling drüben in der Unterkunft dienen? Macht das Gott Freude? Und genau das gibt meinem Leben einen tiefen Sinn und Reichtum.
Aber wo ich die Liebe schuldig geblieben bin, springt Jesu Erbarmen für mich ein und vergibt mir das. Darum ist es erledigt und braucht mich nie mehr zu beschäftigen. Und ein Fegefeuer wird es für mich nicht geben!

Glaube ich das wirklich? Nehme ich von dieser Freiheit jeden Morgen neu einige Tropfen und setze mich ihrer Wirkung aus? Das ist wahre Medizin im doppelten Sinn des Wortes!

Was die Zukunft uns bringt

Weihnachten ist vorbei und die Gesellschaft legt den Schalter um auf Silvester. Das Leben geht weiter und die Jahresuhr tickt unaufhörlich. Zum Abschluss genießen wir noch das Feuerwerk – und dann?

Rainer Sturm @ pixelio.de
Rainer Sturm @ pixelio.de

Oft habe ich den Wechsel vom stimmungsvollen Jahresende zum normalen Alltag als kalte Dusche empfunden. Vor allem verunsicherte mich die offensichtliche Vergängligkeit des Lebens: Ein Jahr geht zu Ende, die Natur scheint tot zu sein, während die Zukunft völlig ungewiss vor mir liegt .

Was wird auf uns zukommen? Werde ich mit dem fertigwerden, was wir erleben? Solche Fragen waren für mich am Jahresanfang normal. Doch es gab vor Jahren ein Erlebnis, das in mir die Zukunftsangst weitgehend geheilt hat:

Es war in den ersten Monaten eines Jahres: Wir hatten einen Bekannten aufgenommen. Er war in Not geraten und wohnte einige Zeit bei uns. Im Frühjahr fand er eine andere Bleibe und wir kehrten zu unserem gewohnten Leben zurück.

Kurz vor Weihnachten kam ein Gruß von ihm, zusammen mit einem Geschenk. Wie toll! Ich las den Brief und es traf mich wie ein Schlag ins Gesicht: Ich war Luft für ihn. Der Brief richtete sich ausschließlich an meinen Mann: Gesegnete Weihnachten für ihn, ein gutes Neues Jahr für ihn, ein Geschenk für ihn. Nicht einmal ein Gruß an mich oder unsere Kinder …

Drei Monate lang hatte ich mich auf ihn eingelassen, mit ihm geredet, für ihn gehofft und mit ihm gebangt. Mein Mann hatte dafür gar nicht so viel Zeit, denn er musste sich um seinen Beruf kümmern. Die ganze Zeit über hatte ich auf mein Zimmer verzichtet, keine Rückzugsmöglichkeit gehabt. Und nun nicht ein einziges Wörtchen an mich. Das haute mich um!

Wilhelmine Wulff @ pixelio.de
Wilhelmine Wulff @ pixelio.de

Das tat weh. Und mir fielen aus meiner Vergangenheit andere Menschen ein, denen ich nichts bedeutet hatte.
Ich saß in unserem Wohnzimmer vor dem Brief und weinte. Komischerweise hatte ich dort auf dem Sofa ein Buch von Max Lucado liegen mit dem Untertitel: »Es geht nicht um dich!« Na, das passte ja! Zwischen meinen Heulattacken las ich Seite um Seite über Gottes Herrlichkeit. Auch meine Bibel lag da und auch in ihr las ich Kapitel um Kapitel. Gleichzeitig öffnete Gott mir die Augen, wo ich mit ihm genauso umgegangen bin, wie unser Bekannter mit mir. Und später sah ich Menschen, mit denen ich ebenso lieblos verfahren war.

Stück für Stück erkannte ich Gottes Größe und Liebe, gepaart mit innerer Buße. Ich musste unserem Bekannten gar nicht mehr vergeben, das war in mir bereits geschehen.

Drei Stunden nach dem Lesen des Briefes stand ich vom Sofa auf: Innerlich voll von einem Frieden, der über alle Vernunft ging. Eine tiefe Wunde, von der ich nichts gewusst hatte, war geheilt worden. Und: Ich war geheilt von mir selbst! Was für eine Befreiung!

Dass die Zukunftsängste, die mich besonders zum Jahreswechsel befallen konnten, heute kaum noch eine Rolle in meinem Leben spielen, hat viel mit dieser Erfahrung zu tun. Ich muss mich nicht mehr um unser Glück, unser Wohlergehen und unsere Unversehrtheit sorgen. Es geht in allem um Gott, um Jesus Christus. »Dein Name werde geheiligt, dein Reich komme, dein Wille geschehe …« Und dies soll in meinem Leben so geschehen, durch Freude und auch durch Leid.

Mit allem, was mir Angst machen will, kann ich vertrauensvoll zu Gott gehen. Ich weiß, er kümmert sich darum – und ich kümmere mich weiter um seine Angelegenheiten: Dass Liebe in diese Welt kommt. Ein Wechsel, der sich vor allem für mich lohnt!DSC03602

»Was die Zukunft uns bringt, wir wissen es nicht. Doch es gibt ein Zuhause beim Vater des Lichts. Dort sind wir willkommen, was auch geschieht – willkommen beim Vater des Lichts!« (Edeltraut Reeb/Jochen Rieger)

Weihnachten – Gottes verrücktes Weltbild

Athanasius Pernath @ pixelio.de
Athanasius Pernath @ pixelio.de

Gottes Sohn wurde Mensch.
Nun wird der Mensch Gottes Kind.

Jesus nahm eine menschliche Identität an.
Der Mensch bekommt eine göttliche.

Jesus wird Mensch durch die Neu-Schöpfung des Heiligen Geistes.
So wird auch der Mensch Gottes Kind: durch eine neue Schöpfung des Heiligen Geistes.

Jesus verließ den Himmel der Liebe Gottes, um »unter dem Gesetz zu leben«.
Der Mensch verlässt die Gesetzlichkeit, um in der Liebe zu leben.

Jesus starb für den Menschen, indem er sich für ihn zum Sündenbock machte.
Der Mensch lebt mit Gott, weil er nun keine Strafe mehr befürchten muss.

Jesus war der Letzte, der gottlos sterben musste.
Der Mensch stirbt nicht mehr.

Jesus kam zu den Menschen auf die Welt und wurde heimatlos.
Der Mensch geht am Ende zu ihm und bekommt eine Heimat.

Jesus kam freiwillig zu den Menschen.
Freiwillig kommt der Mensch zu ihm.

Kommt der Mensch? Komme ich?

Dann habe ich neues Leben, eine neue Identität:
Ich bin gesetz – los und lebe die Liebe.
Ich lebe, denn Jesus lebt in mir.
Ich werde nie sterben, sondern lediglich einen Schritt weiter gehen – in meine Heimat bei Gott.

Freiwillig. Ohne Zwang. Es ist Gottes Geschenk. Weihnachten.

Ich feiere Jesu Geburtstag am 24. Dezember.
Und Gott feiert meinen Geburtstag als sein Kind: Der war im August 1967.

Weihnachten – Gott verrückt das Weltbild.

Perfetto!

»Ich hätte gerne einen gefährlichen Kaffee!« Kaum hatte ich diese Bitte ausgesprochen, merkte ich, dass ich irgendwie Unsinn redete.
Was war passiert? Litt ich an beginnender Demenz? Oder wollte ich den Kellner verulken? Vielleicht meinen Mann zum Lachen bringen? Allerdings, Letzteres gelang mir blendend.
Nein, mein Irrtum war die Folge einer neuen, befreienden Einstellung. Aber wie es zu ihr kam, berichte ich lieber von Anfang an.
Ich bin eine Perfektionistin: Nach Möglichkeit vermeide ich Fehler, besonders, wenn sie zu Peinlichkeiten führen könnten. Um so erstaunter las ich vor unserem Urlaub von dem Gründer der Pfadfinder. Robert Baden-Powell forderte immer wieder die Menschen um sich herum auf, Fehler zu riskieren: „Fehler sind ausdrücklich erlaubt. … Haben Sie keine Angst, einen Fehler zu machen.“
Er hatte verstanden, dass man aus Fehlern klug werden kann – und dass das ängstliche Meiden dazu führt, Neuland gar nicht erst zu betreten.
Das wollte ich ändern. Und der kommende Urlaub in Italien kam mir da gerade recht.
DSC03693 (2)Zu meinen Steckenpferden gehören fremde Sprachen. Bisher hatte mich aber mein Perfektionismus daran gehindert, sie in der Praxis auch auszuprobieren. Denn da wäre ich in ein Fettnäpfchen immensen Ausmaßes gesprungen. Doch jetzt war es so weit: Italien, ich komme und mit mir eine blutige Sprachanfängerin …
Und so kam es zu der Szene, dass ich statt Eiskaffee einen »gefährlichen« Kaffee« bestellte. Mir ist dabei kein Zacken aus der Krone gefallen. Ich habe keinem Menschen Schaden zugefügt. Im Gegenteil: Wegen meiner furchtlosen Sprachanwendung in den zwei Wochen habe ich von unserer Nachbarin dort am Comer See selbstgezogene Gurken geschenkt bekommen. Sie erzählte uns aus ihrem Leben und wir grüßten uns immer fröhlich. Und als wir morgens wieder gen Deutschland starteten, nötigte sie uns, noch einen Espresso bei ihr zu trinken.
Ich habe gestaunt: Wie viel Gutes entsteht doch, wenn ich die Angst vor Fehlern beiseiteschiebe und tue, was gerade dran ist.
So wie Zachäus sich nicht zu lange Gedanken gemacht hat, was wohl seine Mitbürger über ihn denken, wenn sie ihn auf dem Baum entdecken: Er hätte sonst die Wende seines Lebens verpasst.

Georg Schierling / @ pixelio.de
Georg Schierling / @ pixelio.de

Bei Gott müssen wir nicht perfekt sein. Denn er sorgt dafür, dass schon alles gut wird. Bei Gott sind Liebe und Hingabe gefragt. Und befürchtete Fettnäpfchen können sich als Startbahnen in ein neues Leben entpuppen, siehe Zachäus.

Musik vom Feinsten

 (Beitragsfoto: Martin Jäger / pixelio)

»So viel Zeit muss sein!« Mit diesem Selbst-Befehl stoppte ich meine Reinigungsarbeiten und setzte mich auf den Badewannenrand. Im Radio lief ein wunderschönes Stück für Streicher und Oboe. Das Orchesterstück faszinierte mich und ich wollte es unbedingt genießen.

Immer wieder dachte ich: »Jetzt hört die Musik auf!« Die Töne wurden langsamer und näherten sich dem Schlussakkord.

Martin Jäger / @ pixelio
Martin Jäger / @ pixelio

Doch plötzlich sprangen sie aufs Neue davon, lebhaft und mit einem weiteren Auftrag versehen. Geradezu erfrischt und voller Energie – um schließlich einmal mehr in ruhigere Gewässer zu münden.

So ist mein Leben! Ich saß da und sah deutlich die Parallelen zu meinem Alltag: Mal ist er fröhlich, mal ein wenig melancholischer, jetzt schnell und morgen gemächlicher. Dabei deutet er immer wieder auf eine verdiente Pause hin. Aber dann klingelt das Telefon und los geht es – im gleichen Tempo wie vorher.

Ob das stets so weiter geht? Ich lauschte gespannt der Melodieführung. Die Töne tanzten und wiegten sich. Und auf einmal stellte ich fest: Die Melodie wurde schon längst nicht mehr von der Oboe gespielt. Die Streicher hatten sie unbemerkt übernommen.

Da wurde mir klar: So soll es sein! Wenn ich irgendwo aufhöre, muss der Dienst, das Amt, oder wie auch immer ich meine Tätigkeit bezeichne, nahtlos weitergehen. Es darf kein Bruch auftreten. Den Ton geben ab sofort andere Menschen an, die vielleicht vorher im Orchester die Melodie begleitet hatten.

Zurücktreten und die Nächsten dran lassen: So wird das Musikstück zu einem vollen Erfolg. Der Oboist muss darauf verzichten, weiter im Rampenlicht zu stehen. Die Streicher brauchen Mut, ganze Verantwortung für das Gelingen zu übernehmen. Kaum zu glauben: Das Blasinstrument ist tatsächlich durch Violinen ersetzbar.

Auch ich bin auswechselbar. Konkret habe ich das vor einigen Jahren erlebt, als ich jeden Donnerstag mit ein paar Frauen im Gefängnis über Gott und die Bibel geredet habe. Für lange Zeit war dies meine mir auf den Leib zugeschnittene Aufgabe. Doch dann wurde es zunehmend schwieriger. Eine innere Sperre schien mich zurückhalten zu wollen. Aber wer sonst sollte zu den Frauen gehen?

Während ich immer mehr an meine Grenzen kam, baute eine Bekannte, Elli, eine neue Gruppe auf. Sie hatte die gleiche geistliche Ausrichtung und »meine« Frauen gingen zum großen Teil auch in ihren Kreis.

An einem Donnerstag saß ich in meinem Fiat auf dem Gefängnisparkplatz und ließ innerlich den Kopf hängen: »Gott, kannst du nicht Ersatz für mich schaffen?« Und auf einmal sah ich den Zusammenhang. Seit kurzem hatten meine Freundinnen angefangen, mich ›Elli‹ zu nennen. Zufall? Oder ein Anstupser Gottes, dass er bereits für einen ›Auswechselspieler‹ gesorgt hatte?

Da war also stufenlos ein Übergang geschaffen worden, der mir den Mut gab, meine ehrenamtliche Mitarbeit in der JVA zu beenden.

Ich bin ablösbar. Und ich sollte nicht denken, dass Gott nicht jederzeit auch einen anderen Menschen an meine Stelle rufen kann.

Dietmar Meinert / @ pixelio
Dietmar Meinert / @ pixelio

Wenn er als Dirigent das Zeichen gibt, tun wir als Musiker gut daran, sein Signal zu beachten. Sonst stören wir das Konzert und machen uns selbst zu Narren. Es geht nicht um mich, sondern um das ganze, vollkommene Stück.

Schrecksekunden

(Beitragsbild: Peter Smola / pixelio)

Es geschah in Sekundenschnelle: Einem Auto vor uns platzte der Reifen. Erst riss der PKW nach rechts aus, schleuderte anschließend nach links, prallte von der Leitplanke ab und blieb endlich auf der Fahrbahnmitte liegen. Wir selbst legten eine Vollbremsung hin und starrten geschockt auf das Fahrzeug vor uns. Während mein Mann sich um die Sicherung unseres Wagens bemühte, eilte ich zum Unfallauto: Zum Glück war keine Hilfe nötig, da alle Insassen körperlich unversehrt geblieben waren.

Das ist nun über zwei Jahrzehnte her. Aber solch ein Erlebnis bleibt im Keller des Gedächtnisses liegen, bis auf einmal ein bestimmtes Stichwort daran erinnert. Sofort sehe ich die Bilder von damals vor mir und überlege, wie viele Jahre wohl den Beteiligten an Leben und Gesundheit geschenkt worden sind?! Und das nur, weil es Leitplanken gab, die Schlimmeres verhindert haben.

Zwei Leitplanken habe ich entdeckt, die meinen Weg sichern und mich in der Mitte halten: »Gnade und Treue sollen dir nicht verloren gehen. … schreibe sie dir tief in dein Herz.« (Sprüche 3,3 – NL)

Gnade schützt mich davor, ein hartherziger und unbarmherziger Mensch zu sein, der die Mitmenschen be- und verurteilt. Ebenso bewahrt mich die Gnade Gottes, mich selbst allzu kritisch zu sehen und unsicher durch die Welt zu marschieren.

Auf der anderen Seite hält mich die Treue davon ab, Fünfe gerade sein zu lassen: Ich stehe zu Entscheidungen und bin verlässlich. Meine Treue gehört Gott, meinem Mann, unserer groß gewordenen Familie, meinen Freunden und Geschwistern, meiner Gemeinde, meinen … Vor allem aber ist die Treue Gottes die Grundlage dafür, dass ich selbst treu sein kann.

Erich Westendarp / pixelio
Erich Westendarp / pixelio

Gnade ohne Treue lässt mich leicht in die Beliebigkeit abstürzen. Sture Treue ohne Gnade führt mich an den Abgrund des Fanatismus`.

Leitplanken gelten für PKWs genauso wie für Personen und sogar Politiker unseres hoffentlich stets friedlichen Europas 🙂 Auf jeden Fall sind sie lebenswichtig, deshalb heißt es im Vorlauf des zitierten Verses: « … Bewahre meine Gebote in deinem Herzen, denn sie schenken dir ein langes und zufriedenes Leben.« (Vers 1+2 – NL)