Elli Michler wäre heute 95 Jahre geworden

Wie kommt es, dass wir vor etwa 2 Jahrzehnten genau in die Stadt zogen, wo zwei meiner Lieblingsschriftstellerinnen geboren wurden?

• Agnes Sapper: Schon als Kind liebte ich ihr Buch „Die Familie Pfäffling“. Der Folgeband „Werden und Wachsen“ faszinierte mich nicht weniger. Als ich erwachsen war und ihre Biographie über ihre Mutter „Frau Pauline Brater“ las, entdeckte ich, dass so manch eine Idee ihrer Romane aus ihrem eigenen Leben stammte. Interessant war auch, dass ihr Vater die „Süddeutsche Zeitung“ gründete.

• Elli Michler: Sie wurde im selben Jahr wie mein Vater und Schwiegervater geboren: 1923. Meine Mutter kam ein Jahr später auf die Welt. Wundert es da, dass sich ihre Jugendjahre glichen? Denn die damalige Zeit hatte nicht viel übrig für individuelle Wünsche und Lebensführungen. Viele junge Frauen mussten ihre Ausbildung oder die Schule ohne Abschluss beenden und fanden sich für Jahre in „kriegswichtigen“ Fabriken wieder. Oft wechselten sich die Langeweile der äußerst eintönigen Arbeit mit furchtbarer Angst vor Bombenangriffen ab. Ob in Wuppertal oder Würzburg: Die Jugendlichen erlebten hautnah die Bombardierung ihrer Geburtsstadt, die völlige Zerstörung ihrer Heimat. Feuerwalzen rollten durch die Innenstädte, der dadurch kochende Teer verhinderte vielfach die Flucht und bot Tage danach den Menschen, die ihre Angehörigen in den Ruinen suchten, ein grausiges Bild. Es war deutsche Schuld, die da auf unsere Eltern zurückfiel.

Aber die jungen Frauen gaben nicht auf. Zusammen mit anderen baute Elli Michler die Würzburger Universität wieder auf. Dabei lernte sie ihren späteren Ehemann kennen und lieben. Sie schlossen ihr Studium ab, heirateten und bekamen eine Tochter. Aus beruflichen Gründen verließen sie Unterfranken in Richtung Hessen. Dort pflegte Elli Michler später ihre Eltern bis zu deren Tod.

Erst mit 55 Jahren veröffentlichte sie ihre Gedanken in Gedichtform. Lebenserfahrung spiegelt sich in ihnen wider: Werte, die sie getragen und ihr geholfen haben. So handeln ihre Gedichte oft von Vertrauen, Hoffnung und Mut und weisen hin auf die Liebe, die reiches Leben erst möglich macht.

Im Jahr 2010 erhielt Elli Michler das Bundesverdienstkreuz für ihre lyrische Arbeit. Am 18. November 2014 starb sie im gesegneten Alter von 91 Jahren. Doch wenn ich ihre Gedichte richtig verstehe, dann ist das Sterben für sie ein Heimgehen zu der Liebe gewesen, von der sie im Leben getragen wurde und die ihr Sinn und Hoffnung gegeben hat.

Alles wandelt die Zeit.
Was am Gewesenen wesentlich war, entfernt sich nicht weit,
weil der Wind nur das Leichte und Flüchtige treibt.
Das Gewichtige widersteht ihm und bleibt.
Elli Michler

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